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„Lias starb wegen einer vorzeitigen Plazentaablösung“ – Helen teilt ihre Erfahrung

Wenn bei einer Schwangeren eine vorzeitige Plazentaablösung diagnostiziert wird, ist höchste Vorsicht geboten. Sie kann sowohl für das Baby als auch für die Mutter gefährlich sein.

Und auch wenn das Glück oft von Tragödien durchzogen ist, hätte Helen sicher gern auf diese Erfahrung verzichtet.

Mehr Infos über die vorzeitige Plazentaablösung findest du in der Inbox.

Helen wurde im Alter von 19 Jahren unerwartet schwanger, doch freute sich sehr auf ihren Sohn Lias. Alles war für seine Ankunft vorbereitet. Warum ihre Schwangerschaft letztlich in einem traumatischen Verlust endete, wie ihr Umfeld reagierte und welche Kraft sie aus ihrem Schicksal schöpft, erzählt sie im Interview.

Stefanie: Liebe Helen, mit einer so jungen Sternenmama wie dir habe ich noch nie gesprochen.

Wie war das für dich, mit 19 schwanger zu werden?

Das ist in unserer heutigen Gesellschaft sicherlich nicht leicht.

Helen: Ich habe mich sehr gefreut, schwanger zu sein, auch wenn es nicht geplant war. Ebenso mein Freund Tim, mit dem ich zu dem Zeitpunkt schon 4 Jahre lang zusammen war, freute sich.

Aber du hast recht, gesellschaftsfähig ist das heutzutage nicht wirklich. Sobald der Babybauch unter der Kleidung zu erkennen war, ging das Gerede in meiner Kleinstadt los. Trotzdem habe ich es geliebt, schwanger zu sein.

Stefanie: Das ist schön, dass du die Zeit bewusst genießen konntest. Gab es denn irgendwelche Komplikationen, die erahnen ließen, was passieren würde?

Helen: Nein, eigentlich nicht. Ich hatte eine Traumschwangerschaft trotz Corona.

Stefanie: Meinst du die Corona-Zeit oder weil du selbst Corona hattest?

Helen: Beides. Zum einen wäre es schön gewesen, wenn mein Freund mit zu den Frauenarztterminen hätte kommen können und zum anderen fiel mir das Atmen mit den Masken als Schwangere echt schwer. Und als ich selbst Corona bekam, hatte ich natürlich Angst um mein Baby.

Stefanie: Das ist total verständlich. Wie weit warst du denn bei deiner Corona-Erkrankung?
Helen: Das war im Februar. Da war ich im 6./7. Monat.

Ich machte mir große Sorgen, weil ich gelesen hatte, dass Corona vorzeitige Plazentaablösungen und andere -störungen hervorrufen kann.

Doch nach meiner Erkrankung lief meine Schwangerschaft super weiter.

Stefanie: Es war also alles in Ordnung?

Helen: Ja, zumindest bis Mitte Mai. Bei 35+4 hatte ich eine Kontrolluntersuchung bei meinem Frauenarzt. Da mein Freund nicht mit hinein durfte, wartete er im Auto. Ganze 3 Stunden. Erst musste ich lange warten und dann dauerte die Untersuchung länger, weil mein Blutdruck zu hoch war und im CTG Wehen zu sehen waren.

Meine Ärztin war leicht panisch und schickte mich in die Medizinische Hochschule Hannover (kurz: MHH). Dort wurde ich zwar untersucht, aber weitere Tests wurden nicht durchgeführt. Und so schickten sie mich nach Hause, baten mich jedoch 3x am Tag meinen Blutdruck zu messen und 2x die Woche meinen Urin zu checken.

Stefanie: Wie checkt man denn seinen eigenen Urin? War das nicht eine ungewöhnliche Aufforderung?

Helen: Dafür gibt es Schnelltests in der Apotheke. Das ist ganz einfach. Ich fand das tatsächlich nicht merkwürdig. Einerseits musste man vieles in der Pandemie allein machen und anderseits interessiere ich mich seit meiner Jugend für die Thema Schwangerschaft und Geburt, auch in medizinischem Hinblick.

Stefanie: Interessant. Und in deinem Fall gut, dass du Bescheid wusstest. Und wie verlief die Schwangerschaft dann weiter?

Helen: Bei 36+4, am 31.5.22, wachte ich mit Unterleibsschmerzen auf. Es fühlte sich wie Periodenschmerzen an, daher dachte ich, dass es bestimmt wieder Übungswehen sind.

Weil die Schmerzen aber nicht weggingen, es also keine Wehenpausen gab, und mein Bauch hart wie eine Bowlingkugel war, rief ich meine Hebamme an. Sie wirkte sehr ruhig, als ich ihr davon erzählte, und sagte:

Das hört sich nach vorzeitigen Wehen an. Geh‘ einfach mal duschen und anschließend zu deiner Frauenärztin, um das checken zu lassen.

Stefanie: Mhh, es ist zwar gut, wenn die Hebamme so ruhig bleibt, aber bei Dauerschmerzen finde ich den Tipp, duschen zu gehen, etwas gewagt. Konntest du das?

Helen: Etwas mulmig war es mir schon, weswegen ich auch meinen Freund weckte. Danach ging ich tatsächlich duschen, was jedoch keine gute Idee war.

Mein Kreislauf fiel in den Keller. Ich musste unbedingt raus aus der Dusche. Kaum draußen schaffte ich es gerade noch zur Toilette, denn ich musste mich übergeben.

Wir sind direkt ins MHH gefahren, nahmen in der Eile nicht einmal die bereits gepackte Kliniktasche mit. Im Auto ging es mir dann immer schlechter. Als wir im Krankenhaus ankamen, schleppte mich Tim bis zum Kreißsaal-Bereich.

Stefanie: Durfte er hier wenigstens mit hinein?

Helen: Leider nicht. Wegen den Corona-Regeln musste er auch hier draußen warten. Die Schwester nahm mich unterm Arm, brachte mich ins CTG-Zimmer und fand keine Herztöne mehr.

Stefanie: Oh nein! Dann kam sicherlich noch ein Arzt und schaute auch noch mal, oder!?

Helen: Ja genau.

„Wir schauten zu dritt auf den Monitor, doch das Herz schlug nicht mehr.“

Stefanie: Das tut mir so leid, Helen. Das muss furchtbar gewesen sein, vor allem weil du allein warst.

Helen: Ja, ich werde das nie vergessen. Nachdem sie mich in einen Kreißsaal geschoben haben, ließen sie zum Glück meinen Freund zu mir, auch wenn es gegen die Regeln war.

Stefanie: Na immerhin. Und wie ging es ihm, als du ihm die Hiobsbotschaft übermittelt hast?

Helen: Tim war schockiert und weinte. Er fühlte sich hilflos und hoffte immer noch, dass alles gut wird. Schließlich war er beim Ultraschall nicht dabei und hatte es nicht mit eigenen Augen gesehen.

Dennoch machten ihm vor allem die schreienden Baby in den Nebenkreißsälen zu schaffen. Er zog sich Kopfhörer an, um es nicht zu hören. Ich habe das Babygeschrei überhaupt nicht wahrgenommen.

Stefanie: Das kann ich mir gut vorstellen. Du hattest ja sicherlich mit deinen Wehen und deinen eigenen Gedanken zu tun, oder?!

Helen: Richtig. Später wurde mir sogar eine PDA gesetzt, damit ich etwas zur Ruhe komme und ein paar Stunden schlafen kann. Als ich gegen 20 Uhr aufwachte, gingen direkt die Presswehen los. 3 Stück, dann war Lias geboren. Er war 52cm groß und 2100 Gramm schwer.

Stefanie: Ohh, bestimmt ein kleiner knuffiger Kerl zum Verlieben, oder!?

Helen:

Ja, er war perfekt, aber still.“

Stefanie: Das ist das Fatale an stillen Geburten. Es gibt einfach keinen ersten Schrei und auch sonst kein Schreien.

War denn die Geburt trotz der Stille ein schönes Erlebnis für dich?

Helen: Ja, auf jeden Fall.

„Ich bin froh, Lias auf normalem Weg entbunden zu haben. Es war schließlich das Letzte, was ich für und mit ihm tun konnte.“

Stefanie: Das ist wohl wahr. Wie ging es dann weiter? Haben die Schwester ihn gewogen und vermessen? Konntest du ihn sehen?

Helen: Ja, Lias wurde gewogen, es wurden Fußabdrücke und erste Fotos von ihm gemacht. Wir durften sogar entscheiden, ob er bei uns auf dem Zimmer bleiben kann oder gekühlt werden soll.

Die Schwestern informierten uns auch über die Sternenkinderfotografen. Das bekam ich allerdings gar nicht richtig mit, weil es mir nach der stillen Geburt plötzlich ganz schlecht ging.

Stefanie: Oh nein, auch das noch. Was ist denn passiert?

Helen: Als Lias zur Welt kam, hatte ich einen Plazentaabriss. Offensichtlich hatte ich eine vorzeitige Plazentaablösung, bei der sich hinter der Plazenta, also zwischen Plazenta und Gebärmutter, ein Bluterguss bildete. Mit der Geburt kam alles gemeinsam mit Lias heraus. Ich habe daher extrem viel Blut verloren und bekam sofort Bluttransfusionen. Immerhin ging das alles im Kreißsaal-Bereich.

Als ich gegen 2 Uhr nachts wieder stabil war, kamen Tim, Lias und ich in ein Zimmer auf der Privatstation, nicht auf die Wochenbettstation. Und Tim durfte sogar bleiben (ohne aufgenommen zu werden). Sie drückten also wieder ein Auge zu.

Infobox: 10 wichtige Fakten über eine vorzeitige Plazentaablösung

Damit du es zumindest einmal gelesen oder gehört hast, hier die wichtigsten Infos über eine vorzeitige Plazentaablösung:

1. Was ist eine vorzeitige Plazentaablösung?

Eine vorzeitige Plazentaablösung tritt auf, wenn sich die Plazenta (Mutterkuchen) vor der Geburt des Babys von der Gebärmutterwand ablöst. Die Plazenta kann sich teilweise oder vollständig lösen. Bei vollständiger Ablösung ist das Leben von Mutter und Kind in Gefahr.

2. Was sind Symptome für eine vorzeitige Plazentaablösung?

  • plötzlich starke, meist durchgehende Bauchschmerzen
  • Blutdruckabfall
  • Kreislaufprobleme (bis hin zum Kreislaufschock)
  • Erbrechen
  • ein harter Bauch
  • oft vaginale Blutungen

Achtung: Einige vorzeitige Plazentaablösungen laufen unbemerkt und symptomfrei ab.

3. Was sind die mögliche Ursachen für eine vorzeitige Plazentaablösung?

  • Bluthochdruck
  • Rauchen
  • Drogenmissbrauch
  • Bauchverletzungen, z.B. durch Unfall
  • Traumata

4. Welche Risikofaktoren gibt es?

  • fortgeschrittenes Alter der Mutter (35 Jahre oder älter)
  • Mehrlingsschwangerschaften
  • frühere Plazentaablösungen
  • chronische Erkrankungen
  • Schwangerschaftsdiabetes

5. Wie wird eine vorzeitige Plazentaablösung diagnostiziert?

Die Diagnose erfolgt oft durch eine Kombination von Symptomen, körperlicher Untersuchung und Ultraschall.

6. Welche Komplikationen können entstehen?

Eine vorzeitige Plazentaablösung kann zu Sauerstoffmangel beim Baby, Frühgeburtlichkeit und lebensbedrohlichen Blutungen für Mutter und Kind führen.

7. Wie wird eine vorzeitige Plazentaablösung behandelt?

Die Behandlung hängt von der Schwere der Ablösung ab, kann jedoch einen Notfall-Kaiserschnitt oder eine Überwachung und medizinische Stabilisierung der Mutter erfordern.

8. Kann ich einer vorzeitigen Plazentaablösung vorbeugen?

Es gibt keine spezifische Möglichkeit, eine vorzeitige Plazentaablösung zu verhindern, aber die Minimierung von Risikofaktoren wie Rauchen und Drogenmissbrauch kann das Risiko reduzieren.

9. Ist eine Nachsorge nötig?

Nach einer vorzeitigen Plazentaablösung benötigt die Mutter oft eine sorgfältige Nachsorge, um mögliche Komplikationen wie Bluthochdruck oder Blutgerinnsel zu überwachen.

10. Wie oft kommt eine vorzeitige Plazentaablösung vor?

Selten, bei ca. 0,4-1,5% der Schwangeren. D.h., bei max. 1 von 100 Babys findet eine vorzeitige Plazentaablösung statt. Das Risiko einer komplette Ablösung liegt bei 0,002%, also 1 von 500 Babys.

Bitte beachte, dass diese Auflistung an Informationen allgemeiner Natur sind und aus öffentlichen Quellen wie MSD Manual, Eltern.de und Women.at zusammengetragen wurde. Im Falle eines Verdachts einer vorzeitigen Plazentaablösung solltest du dir immer SOFORT medizinische Hilfe suchen, da dies ein ernstes medizinisches Problem ist.

Stefanie: Wow, welch eine Erfahrung. Und das in deinem jungen Alter.

Weißt du, was die Ursache für die vorzeitige Plazentaablösung bei dir war?

Helen: Ja, das weiß ich, denn im Nachhinein wurde mit einer einfachen Blutabnahme ein Protein Z Mangel festgestellt. Die humangenetische Untersuchung bestätigte das Ergebnis nochmals.

Stefanie: Hätte man das durch den Bluttest auch vorher feststellen können?

Helen: Theoretisch schon. Aber praktisch schaut niemand danach, wenn die Schwangerschaft gut verläuft.

Stefanie: Auch wenn es sich blöd anhört, aber bei zukünftigen Schwangerschaften wirst du wahrscheinlich engmaschig kontrolliert, damit man ggf. früher eingreifen kann.

Helen: Auf jeden Fall.

Stefanie: Zurück zu Lias. Du sagtest, die Schwestern haben euch von den Sternenkinderfotografen erzählt. Habt ihr sie auch kontaktiert?

Helen: Ja, das haben wir. Am nächsten Tag, also am 1.6.2022, kam ein Fotograf ins Krankenhaus. Er stellte sich vor, fragte nach Lias Namen und erklärte sein Vorgehen. Der Fotograf war empathisch, ruhig und wirkte beruhigend. Und doch war es komisch.

Stefanie: Was meinst du genau mit komisch?

Helen: Na ja, der Sternenkinder-Fotograf sagte, wir sollen uns keine Gedanken machen, wie wir aussehen. Wir sollen einfach mit Lias kuscheln und nicht an die Kamera denken. Und doch fühlte ich mich beobachtet. Es war eben eine sehr intime Situation und noch dazu die letzten Stunden, die ich mit Lias hatte.

Stefanie: Das verstehe ich. Du hast Lias ja gerade selbst erst kennengelernt. Konntest du dir die Bilder direkt ansehen oder lagen sie lange verschlossen im Schrank?

Helen: Ich wollte die Bilder sofort haben und sehen. Ich war und bin stolz auf meinen Sohn und habe die Bilder auch gleich meinen Freunden und meiner Familie gezeigt. Also zumindest denjenigen, die sie sehen wollten. Zum Glück gab es nur wenige, die sich nicht trauten.

Stefanie: Schön, dass die meisten deiner Verwandten und Bekannten die Bilder sehen wollten. Das ist nicht immer der Fall. Hat eigentlich deine Familie Lias kennenlernen können?

Helen: Ja, es kamen einige am 1.6.2022 vorbei und brachten Kuscheltiere und Geschenke mit, die sie bereits gekauft hatten.

Stefanie:

Und wie hast du dich dann endgültig von Lias verabschiedet?

Helen: Nachdem der Sternenkinder-Fotograf gegangen war, setzte ich mir eine zeitliche Begrenzung von 30 Minuten. Das brauchte ich, sonst hätte ich ihn nie abgegeben. Und zu diesem Zeitpunkt sah man ihm den Tod bereits an.

Wir haben in dieser Zeit viel gekuschelt. Mit Lias und den Kuscheltieren, um so Erinnerungen zu sammeln und seinen Geruch festzuhalten.

Und dann holte ihn die Schwester wie vereinbart ab. Es war schwer, aber die richtige Entscheidung.

Helen, die ihren Sohn Lias wegen einer vorzeitigen Plazentaablösung still gebar, kuschelte viel mit ihm und diesem Kuscheltier, um sich Erinnerungen zu schaffen

Stefanie: Das sind sehr schöne Erinnerungen, die ihr euch geschaffen habt. Ich bin gar nicht auf solche Ideen gekommen.

Seid ihr danach heim gefahren oder standest du wegen der vorzeitigen Plazentaablösung noch unter Beobachtung?

Helen: Tim und ich blieben noch eine Nacht im Krankenhaus. Am Morgen des 2.6.2022 wurde jedoch beschlossen, dass wir gehen dürfen. Wir mussten nur noch auf die Papiere warten.

Stefanie: Da ich selbst weiß, wie es ist, ohne Baby nach Hause zu fahren, interessiert mich vor allem, wie du dich beim Verlassen des Krankenhauses gefühlt hast.

Helen: Ich denke, für uns war es anders als für euch, denn wir hatten keine Konfrontation mit anderen Eltern oder ihren Babys, da wir nicht auf der Wochenbettstation waren.

Ansonsten fühlte es sich nach keiner besonderen Situation an. Im Gegenteil: Ich empfand die Fahrt als sehr normal. Ich hatte zu der Zeit noch nicht realisiert, was da in den letzten 2 Tagen passiert war.

Stefanie: Oh ja, das Realisieren und Begreifen dauert eine Weile. Da reichen 2 Tage nicht aus. Habt ihr Lias beerdigen können?

Helen: Ja, das haben wir. Die Bestatterin meldete sich bei uns, nachdem meine Eltern den Erstkontakt aufgenommen hatten. Mein Freund und ich trafen alle Entscheidungen gemeinsam.

Wir haben ebenfalls mit der Pastorin gesprochen, die mich von Baby an kennt. Sie hielt die Trauerrede auf der Beerdigung, zu der nur ca. 10 Personen kamen. Wir wollten es mit Absicht klein halten und nach der Beerdigung nicht, wie gewöhnlich, essen gehen. Ich wollte nur Zeit allein mit meinem Freund verbringen.

Stefanie: Das kann ich gut nachempfinden. Mir ging es damals ganz genauso. Die Gefühle fuhren Achterbahn und man brauchte einfach nur seine Ruhe. Kannst du dich daran erinnern, was das schlimmste Gefühl nach Lias Tod Lias für dich war?

Helen: Oh ja, das Gefühl der Überforderung! Lias kam kurz nach meinem Abitur zur Welt.

Ich hatte keine Ausbildung und keine Perspektive. Ich hatte mein komplettes Leben auf Baby eingestellt. Nach seinem Tod hatte ich nichts.

Es war alles für Lias Ankunft vorbereitet und doch starb er wegen einer vorzeitigen Plazentaablösung.

Stefanie: Ist das inzwischen anders? Hast du heute – 1,5 Jahr später – eine Perspektive?

Helen: Ja, die habe ich glücklicherweise. Ich werde Hebamme. Ich möchte es besser machen, als meine damalige Hebamme, die lediglich stumpfe Erklärungen für mich hatte, aber kein bisschen Empathie zeigte. Wenn möglich möchte ich Trauerhebamme werden. Dafür muss ich zusätzliche Weiterbildungen absolvieren.

Doch diesen Monat fängt erst einmal das reguläre 3-jährige Hebammenstudium an. In den vergangenen Monaten habe ich bereits bei einem Frauenarzt gearbeitet und erste Erfahrungen im Umgang mit Schwangeren gesammelt. Auch im Kreißsaal habe ich bereits geholfen.

Stefanie: Wow, das ist wundervoll. Ich freue mich, dass du so eine wertvolle und sinnstiftende Aufgabe für dich gefunden hast. Wie war denn das erste Mal im Kreißsaal für dich?

Helen: Vor der ersten Geburt war ich unglaublich aufgeregt. Und ebenso nach der Geburt. Das Baby bewegte sich, schrie und kam zur Mutter. Das kannte ich aus eigener Erfahrung nicht.

Eine stille Geburt habe ich noch nicht begleitet. Ich hoffe, das dauert noch etwas. Zumindest solange, bis ich mit meiner eigenen Trauerarbeit weiter vorangekommen bin.

Stefanie: Apropos, Trauerverarbeitung. Welche Rolle spielte dein soziales Umfeld dabei? Haben dir Familie und Freunde bei deiner Trauerbewältigung zur Seite stehen können?

Helen: Ich habe 2 Freundinnen, mit denen ich gut reden konnte. Doch generell verstummte das einstige Getuschel und alles um mich herum wurde still.

Keiner konnte mir wirklich helfen, weil niemand in meinem Freundeskreis sich je Gedanken um eine Schwangerschaft gemacht hatte. Da fielen Kommentare wie:

Ich habe auch gerade eine Trennung hinter mir.

Könnt ihr euch nicht einen Hund anschaffen?

Es war die pure Verzweiflung, die aus ihnen sprach. Sie konnten sich nicht im Geringsten einfühlen, wie es ist, ein Kind zu bekommen oder zu haben.

Stefanie: Das glaube ich dir sofort. Die Sprüche sind zwar anders als die, die ich bisher kenne, doch die Hilflosigkeit ist in allen Generationen gleich groß. Sie können sich nicht in uns hineinfühlen. Es ist eine verzwickte Situation.

Helen: Ja, genau. So verzwickt, dass Lias und meine Schwangerschaft mit ihm nicht anerkannt wurden und so getan wurde, als sei es nie passiert. Auch bei Familienfeiern wurde er nicht aufgezählt. Das tat weh!

Stefanie: Hat sich das inzwischen geändert?

Helen: Ein wenig, aber nur weil ich Fotos in der Wohnung von Lias aufhängte und er endlich gesehen wird. Einige schauen sie sich an, denken drüber nach und sehen das nun anders.

Stefanie: Ja, manche Menschen begreifen es erst, wenn sie es mit eigenen Augen sehen. Das ist übrigens ein guter Tipp zum Nachmachen.

Hast du zum Abschluss noch einen Ratschlag, den du anderen Sterneneltern mit auf den Weg geben möchtest?

Helen: Ich habe sogar 3 Ratschläge, die mir wichtig sind:

  1. Es ist wichtig, sich in der Beziehung auszutauschen. Mein Freund fing mich immer wieder auf. Egal, wie unerträglich der Schmerz war.
Wenn Kinder sterben, schaffen die Eltern die Trauerarbeit nur gemeinsam.
  1. Beide Partner sollten sich mit gleichgeschlechtlichen Betroffenen austauschen. Männer und Frauen trauern einfach anders. Und ähnliche Denkweisen verbinden unheimlich.
  2. Lasst euch nichts von Menschen sagen, die es nicht selbst erlebt haben.

Stefanie: Das sind 3 wunderbare Tipps, die ich nur bestätigen kann.

Liebe Helen, ich danke dir sehr, dass du den Mut hattest, deine Geschichte zu erzählen. Dein Verlust tut mir unendlich leid, besonders weil du so jung bist. Doch du machst das Beste daraus, nutzt deinen Schicksalsschlag, um zu wachsen und deinen Weg zu gehen.
Schon bald wirst du anderen Sternenmamas helfen und all deine eigene Erfahrung einfließen lassen können. Das finde ich großartig und äußerst wertvoll.

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