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Ankes Erfahrungen: Schwangerschaftsverluste und die Suche nach Heilung

Anke erlitt zwischen 2005 und 2023 mehrere Schwangerschaftsverluste. Sie kennt die emotionalen und körperlichen Schmerzen, die Fehlgeburten, Ausschabungen und Kindstod mit sich bringen.

Bei den ersten fünf Malen ist Anke problemlos schwanger geworden. Die letzten drei Male erhielt sie aufgrund plötzlicher gesundheitlicher Herausforderung Unterstützung in Form von Clomifen.

Welche Erfahrungen Anke gemacht hat, warum sie für Offenheit plädiert und wie ihre Suche nach Heilung aussieht, erzählt sie im Folgenden.

Meine ersten Erfahrungen mit Schwangerschaftsverlusten

Von meinen Schwangerschaften erfuhr ich meist durch Tests oder Ultraschalluntersuchungen beim Frauenarzt. Ich freute mich jedes Mal, musste jedoch jedes einzelne Kind wieder hergeben. Hier eine kleine Übersicht:

⭐ Verlust der 1. Schwangerschaft:

Bei meiner ersten Schwangerschaft (2005) war ich 18 Jahre alt und gerade im ersten Ausbildungsjahr. Leider schlug das Herz meines Baby in der 10. Schwangerschaftswoche (SSW) nicht mehr. Ohne Aufklärung vom Frauenarzt wurde ich zur Ausschabung geschickt. Alles ging so schnell, und ich war vollkommen allein.

⭐ 2. Schwangerschaftsverlust:

Die zweite Schwangerschaft (2006) wurde durch eine Routineuntersuchung beim Frauenarzt entdeckt. Sie endete in der 8. SSW ebenfalls mit einer Ausschabung. Immerhin hat mich hier mein Freund begleiten können.

⭐ Die unbemerkte 3. Schwangerschaft:

Die dritte Schwangerschaft blieb bis zur 22. SSW unerkannt. Ich hatte keinerlei Symptome. Mir ging es gut und ich hatte meine Periode. Erst als ich nach einem Sturz von der Treppe Bauchschmerzen bekam, entdeckten Ärzte mein Baby. Leider schlug das Herzchen nicht mehr.

Anhand der Messwerte sagten die Ärzte, dass mein Baby ca. in der 13. SSW gestorben sein muss. Ich wollte dieses Kind spontan gebären. Doch mein Kreislauf sackte unter den Wehen zusammen. So hieß es erneut: OP und Ausschabung.

⭐⭐ Verlust in den Schwangerschaften 4 und 5:

Die 4. und 5. Schwangerschaft waren schneller vorbei, als ich sie mitbekommen habe. Sie endeten mit starken Blutungen und natürlichen Abgängen in der 5. bzw. 7. SSW.

⭐⭐ 2 biochemische Schwangerschaften mit Clomifen:

Da ich nach dem 5. Schwangerschaftsverlust nicht mehr schwanger wurde, bat ich meine Frauenärztin um Rat. Sie verschrieb mir Clomifen, ein Medikament, dass Frauen mit Kinderwunsch oft verschrieben wird. Es unterstützt beim Auslösen des Eisprungs oder zur Regulierung des Zyklus.

Ich vertrug die Behandlung sehr gut und wurde damit tatsächlich zweimal schwanger. Jedoch waren es biochemische Schwangerschaften. D.h., die Embryonen haben sich zwar in meiner Gebärmutter eingenistet, sich jedoch nicht weiterentwickelt.

Verlust und Abschied von Leo

Die 8. Schwangerschaft mit Leo, ebenfalls mit Unterstützung von Clomifen, war lange geplant und sehnlichst erwünscht. An Tag 14 nach Eisprung hielt ich den positiven Test in der Hand. Mein Mann und ich waren überglücklich. Doch leider…

Frühe Blutungen und Komplikationen

Beim ersten Ultraschall sah meine Frauenärztin nur eine hochaufgebaute Schleimhaut. Sie nahm mir also Blut für die Bestimmung des HCG-Wertes ab und sagte, dass ich sofort mit Heparin und Prednisolon beginnen soll, sofern der Test bei ihr auch positiv ist. Nach der freudigen Botschaft am Abend startete ich mit der Einnahme.

In der 4. SSW hatte ich plötzlich Blutungen. Was für ein Schock! Ich rief sofort meinen Mann an. Meine Frauenärztin konnte keine Ursache für die Blutungen finden. Auch in der Gebärmutter war noch nichts erkennbar. Allerdings sah sie Flüssigkeit hinter der Gebärmutter. Sie veranlasste erneut einen HCG-Test und teilte mir später einen Wert von 118 mit. Es blieb also alles offen.

In der 5. SSW sahen wir endlich eine Fruchthöhle, und in der 6. SSW dann auch einen Dottersack mit Anlagen. Auch das Herz schlug bereits. Wir haben uns riesig gefreut! In der 9. SSW bekam ich dann meinen Mutterpass. Alles sah bestens aus.

Der nächste Schock ließ nicht lange auf sich warten. In der 13. SSW hatte ich wieder Blutungen. Mein Mann und ich sind sofort in die Dresdner-Uniklinik gefahren, doch auch hier sah alles gut aus. Eine Ursache für die Blutungen wurden nicht gefunden und Leo ging es blenden. Wir konnte sogar sein Herz schlagen hören.

Dann kam der Tag, an dem sich alles veränderte.

Die Geburt von Leo und der unerwartete Verlauf

Es war der 25.08.2023, abends 21:30 Uhr, als mir auf der Toilette die Fruchtblase platzte. Ich lief zu meinem Mann und sagte, dass wir sofort in die Uniklinik Dresden fahren müssen. Dort kamen wir gegen 23:15 Uhr an und meldeten uns an. Aufgrund von Not-Operationen mussten wir zwei Stunden lang warten, sodass erst gegen 1:30 Uhr eine Ärztin mit uns sprechen konnte.

Sie stellte uns ein paar Fragen wie: „Hatten Sie Geschlechtsverkehr?“ oder „Waren Sie baden?“, um den Grund für den viel zu frühen Blasensprung herauszufinden. Nachdem wir alle Fragen verneinten, untersuchte sie mich und auf einmal wurde es ganz still. Mein Mann kam näher, der sich bisher eher im Hintergrund aufhielt, und dann sagte die Ärztin:

„Ich kann leider nichts mehr für Sie tun. Das Füßchen guckt schon raus.“

Die Ärztin ließ ein Zimmer für meinen Mann und mich auf der Krebsstation (, weil die Gynäkologie voll war) vorbereiten. Dorthin kam später eine Schwester und gab uns Unterlagen zum Ausfüllen. Unter anderem ging es um Leos Bestattung.

Meine Frage zu den Sternenkinder-Fotografen konnte ich leider nicht beantworten. Hierfür kontaktierte ich meine Cousine, die mir die Nummer schickte. Da niemand abnahm, hinterließ ich eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter.

Ab 4:00 Uhr setzten schließlich Wehen ein. Sie waren noch nicht stark genug, wurden jedoch immer heftiger. Um 5:50 Uhr, als ich auf die Toilette ging, musste ich das erste Mal pressen. Mein Mann rief Hilfe, sodass eine Schwester blitzschnell kam. Zu diesem Zeitpunkt war das erste Bein schon draußen.

Die Schwester rief weitere Helfer und eine Ärztin. Sie wollten mich zurück ins Bett bringen, schafften es aber nicht. Eine weitere Schwester kam, um Blutdruck und Sauerstoffgehalt zu messen. Dabei stellte sie fest, dass ich Fieber habe. Ab dem Moment ging alles schnell.

Keine 10 Minuten später war ich im OP. Sie sagten: „Wir holen ihr Baby so sanft wie möglich.

Gegen 07:30 Uhr war ich wieder bei meinem Mann auf dem Zimmer. Kurz danach rief die Organisation Dein Sternenkind an. Sie erkundigten sich, ob Leo schon geboren wurde oder nicht. Nachdem ich bejahte, wurde unmittelbar ein Alarm in ihrem System abgesetzt.

Abschied nehmen von Leo

Uns wurde erklärt, dass wir Leo jederzeit sehen können, um Abschied zu nehmen. So beschlossen wir, dass er uns gegen 10:30 Uhr gebracht werden sollte. Eine Schwester kam mit einem wunderschönen Weidenkörbchen durch die Tür. Darin lag Leo. So friedlich wie still.

Bis 12 Uhr waren wir mit Leo allein. Dann kam eine Sternenkinder-Fotografin. Sie stellte sich als Katharina vor und fragte, ob wir das Geschlecht unseres Kindes wissen. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir das noch nicht, sodass sich mein Mann an eine Klinikschwester wandte und erfuhr, dass wir einen kleinen Jungen bekommen haben. Beim Namen LEO waren wir uns schnell einig, sodass Katharina ihn auch mit Namen ansprechen konnte. Sie blieb ca. eine Stunde und hat wundervolle Bilder gemacht.

Anschließend haben wir uns noch einmal Zeit mit Leo genommen, bevor wir ihn abholen ließen.

Nach der Abschlussuntersuchung konnten wir tatsächlich am frühen Abend nach Hause fahren.

Leos Bestattung

Vor der Beisetzung von Leo auf dem neuen Katholischen Friedhof in Dresden hatte ich große Bedenken. Die Vorstellung, sich für immer von seinem geliebten Kind verabschieden zu müssen, löste tiefe Ängste in mir aus. Die Unsicherheit darüber, wie ich den Abschied gestalten soll, und die Überwindung der seelischen Schmerzen währenddessen empfand ich als besonders heftig.

Die Bestattung selbst war geprägt von emotionalen Momenten, die tiefe Spuren in meinem Herz hinterließen. Es waren Augenblicke, die einerseits von Trauer und Schmerz erfüllt waren, aber auch von der unermesslichen Liebe zu Leo.

Begleitung und Unterstützung nach meinen Schwangerschaftsverlusten

In den ersten sieben Schwangerschaften fühlte ich mich oft allein gelassen. Ich erhielt keine spezifische Begleitung, und emotionale Unterstützung während dieser schwierigen Zeiten gab es nicht. Das war für mich eine sehr herausfordernde Erfahrung.

Der Verlust von Leo schmerzte am meisten. Meine Bindung zu ihm war viel intensiver als zu den anderen Kindern, denn seinen Herzschlag sah und hörte ich. Solch eine tiefgreifende Verbundenheit spürte ich daher in den vorherigen Schwangerschaften nicht.

Nach der schmerzhaften Erfahrung der stillen Geburt von Leo erhielt ich zumindest Unterstützung durch eine Hebamme. Obwohl keine Rückbildung angeboten wurde, gab es einen körperlichen Check-up, und – ganz wichtig – ich hatte die Möglichkeit zu reden.

„Meine Trauer bekam Raum.“

Dadurch war die Hebamme eine äußerst emotionale Stütze für mich in einer Zeit, in der ich mit den vielen Herausforderungen des Verlusts und der Trauer um Leo konfrontiert war.

Austausch mit anderen Sternenmamas und Selbsthilfe

Die fehlende Unterstützung nach meinen Verlusten belastete mich emotional sehr. Das erschwerte anfangs meine Trauerbewältigung immens. Doch irgendwann kroch ich aus meinem Loch und fand Unterstützung bei anderen Sternenmamas. Der Austausch von Erfahrungen und Emotionen mit Frauen, die ähnliche Schwangerschaftsverluste erlebt hatten, boten mir Trost und vor allem Verständnis.

Ich fühlte mich endlich verstanden. Das half mir, meine eigenen Gefühle besser zu verarbeiten.“

Ein weiterer Weg, um meine Trauer zu bewältigen, waren handwerkliche Aktivitäten. Das Häkeln von Schmetterlingskinder-Mützen wurde zu einer therapeutischen Tätigkeit für mich. Schließlich hatte Leo damals keine Mütze, was mich sehr traurig macht.

Auch Teddys häkle ich. Leo hatte schon während der Schwangerschaft einen. Und nun komme ich kaum hinterher, weil jeder in der Familie einen haben möchte. Aufgrund dieser Verbindung zu Leo fließen jedes Mal beim Häkeln Tränen. Doch es hilft mir, meine Gefühle auf eine produktive und heilsame Weise herauszulassen.

Gesellschaftliche Reaktionen nach meinen Schwangerschaftsverlusten

Nicht nur, dass das Gesundheitssystem keinerlei Angebote nach frühen Schwangerschaftsverlusten anbietet, auch die Gesellschaft tut Fehlgeburten oft ab. Es fehlt an Empathie, Sensibilität und Verständnis. Da hörte ich Sprüche wie: „Es war ja noch kein richtiges Kind“ nicht selten. Das belastete mich sehr.

Trotz dieser Herausforderungen oder vielleicht gerade deswegen spreche ich offen über meine Erfahrungen. Ich sehe darin die Möglichkeit, das Bewusstsein der anderen zu schärfen und das Verständnis in der Gesellschaft für den Verlust von Sternenkindern zu verbessern.

Ich wünsche mir, dass durch offene Gespräche die Empathie in unserer Gesellschaft gefördert wird, um anderen Betroffenen zu helfen. Sie sollen in ähnlichen Situationen schneller wachsen können als ich.

Suche nach Heilung – mein Blick nach vorne

Wenn ich auf meine vergangenen Erfahrungen zurückblicke, reflektiere ich meine Schwangerschaftsverluste immer wieder. Diese Erfahrungen haben mich verändert, mir eine einzigartige Perspektive auf Leben, Verlust und Hoffnung gegeben.

Ich gebe trotz allem, was mir passiert ist, den Wunsch, ein eigenes Baby lebend im Arm zu halten, nicht auf. Auch wenn ich unglaubliche Angst davor habe, wieder ein Kind zu verlieren. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass ein Regebogenbaby einige meiner Wunden heilen wird.

„Ich hoffe, endlich ein neues Kapitel beginnen zu können. Mit einem Kind an der Hand.

Ich hoffe aber auch, dass unsere Gesellschaft endlich Sternenkinder akzeptiert und den Schmerz von verwaisten Eltern nicht mehr infrage stellt.“

Schlusswort

An dieser Stelle möchte ich Anke von Herzen danken, dass sie ihre Geschichte mit mir geteilt hat. Ich weiß, dass es unglaublichen Mut erfordert, über so persönliche und schmerzhafte Erfahrungen zu sprechen.

Liebe Anke, ich bin mir sicher, dass deine Offenheit viele trauernde Eltern inspiriert und ermutigt, über schwierige Themen wie Schwangerschaftsverlust und den Tod ihrer Kinder zu sprechen.

Möge deine Geschichte dazu beitragen, dass dieses Tabuthema mehr Aufmerksamkeit und Verständnis in unserer Gesellschaft findet und anderen Eltern in ähnlichen Situationen Trost und Unterstützung bietet.

Wenn auch du Anke ein paar Worte zukommen lassen möchtest, kontaktiere Anke auf Instagram oder schreibe gern in das untenstehende Kommentarfeld.

SAG ES WEITER:

Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. Manuela

    Bitte entferne das Bild von dem Grab weil es ein Gemeinschaftsgrab ist und nichts unerkenntlich ist von den anderen ist

    1. Stefanie Goldbrich

      Liebe Manuela,

      herzlichen Dank für deinen Hinweis. Aus Respekt und zum Schutz der Privatsphäre habe ich das Bild selbstverständlich gelöscht.
      Dennoch möchte ich dich darauf hinweisen, dass Anke dabei keinen bösen Gedanken hatte, als sie mir das Foto überlies. Hätte sie gewusst, dass sie Leo in einem eigenen Grab hätte beerdigen können, hätte sie das gern gemacht. Doch Aufklärung in Sachen früher Kindstod ist in Deutschland, wie in vielen anderen Ländern, rar. Und so lies sie Leo in diesem Sammelgrab bestatten. Es ist auch ihr Ort zum Trauern. Niemand außer den Eltern (und evt. deren Verwandte), deren Kinder dort liegen, kennen diesen Ort. Und jeder von ihnen trauert auf seine eigene Weise.

      Ich wünsche dir einen besinnlichen 1. Advent!

      Liebe Grüße
      Stefanie

  2. Anonym

    ich bitte höflichst und direkt das, dass Bild vom Grab raus genommen wird weil ich als Vater von einem Sternkind was da mit liegt und ich möchte nicht das mein Zeug mit drauf ist.

    1. Stefanie Goldbrich

      Guten Abend,

      als erstes möchte ich dir mein herzliches Beileid zu deinem Verlust aussprechen. Es gibt nichts Schlimmeres, als ein Kind zu verlieren. Ich weiß das aus eigener Erfahrung.
      Zum Schutz deiner Privatsphäre habe ich das Bild natürlich entfernt. Auch wenn keine Namen, Orte, etc. darauf zu erkennen sind, verstehe ich, dass du nicht möchtest, dass euer Grab zu sehen ist. Es dient dir sicherlich als Andenken an dein Kind. Genau wie Anke. Wenn sie gewusst hätte, dass sie Leo in einem eigenen Grab hätte beerdigen können, hätte sie das bevorzugt. Doch leider wurde sie nicht genug aufgeklärt. Wie ich damals. Heute würde auch ich ein anderes Grab wählen. Doch die Aufklärungs- und Trauergesellschaft in unserem Land hat noch einiges an Nachholbedarf. Mehr Offenheit und Akzeptanz würde uns Sterneneltern und vor allem unserer Gesellschaft guttun, oder!?

      Ich wünsche dir einen erträglichen 1. Advent. Die erste Weihnachtszeit ohne das geliebte Kind ist meist die schwerste.

      Liebe Grüße
      Stefanie

  3. Manuela

    Ich danke dir von ganzem Herzen.auch wenn es Anke nicht böse meinte. ich gebe dir Recht aber jeder hat eine andere Art von Trauerbewältigung. Aber auch mein Sternkind ist da Beerdig.

    1. Stefanie Goldbrich

      Liebe Manuela,

      mein tiefes Mitgefühl für deinen Verlust. Gerade das erste Jahr tut am meisten weh. So sagt man.
      Bei einigen Menschen stimmt das, bei anderen nicht. Da fängt es erst nach einem Jahr so richtig an.
      Jeder trauert eben auf seine eigene Weise. So sagtest du es bereits.

      Ich wünsche dir auf deinem Weg weiterhin viel Kraft und Menschen, die deine Trauer aushalten und dich darin begleiten.

      Liebe Grüße
      Stefanie

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