You are currently viewing Buch-Rezension: „Schwere Entscheidungen leicht treffen“ von Marion Glück

Buch-Rezension: „Schwere Entscheidungen leicht treffen“ von Marion Glück

Schwere Entscheidungen leicht treffen – wenn das mal so einfach wäre.

Wer meinen Blog kennt, kann sich vielleicht denken, um welche Entscheidung es sich in dem Buch handelt. Für alle anderen: Es geht um „Schwangerschaftsabbruch oder Schwangerschaft austragen?“

Nein, diese Entscheidung musste ich selbst nie treffen, jedoch eine andere schwere Entscheidung „Maschinen laufen lassen oder abstellen?“ Daher kann ich Marion Glücks Ansätze sehr gut nachvollziehen.

Wer ist Marion Glück und warum schrieb sie „Schwere Entscheidungen leicht treffen?“

Marion Glück ist vielfältig. Sie ist gelernte Bankkauffrau, ausgebildeter Marineoffizier, Diplombetriebswirtin, Mentorin für Führungskräfte, Autorin, Verlegerin und einfach nur großartig. Ihre einzelnen Lebensstationen und Qualifikationen kannst du gern auf Marions Über mich-Seite nachlesen.

Im Mai 2023 kontaktierte mich Marion, nachdem Sie im WhatsApp-Status einer Bekannten von meiner Lesung in Guben erfahren hatte. Sie schrieb:

„Ich schreibe gerade ein Buch über „Schwere Entscheidungen“. Thema: Schwangerschaftsabbruch oder Weitertragen nach pränatalem Befund.
Nachdem die Natur 3 Mal für mich entschieden hat, war es beim letzten Mal meine bewusste Entscheidung Sternenmama zu sein.“

Marion Glück

Am Ende ihrer Nachricht fragte sie, ob ich Lust zu einem Austausch hätte.

Na klar hatte ich das. Sie ging genauso offen mit der Thematik um wie ich und sagte geradeheraus, was sie dachte. Komplett samthandschuhfrei! ❤️

Und doch musste ich kurz schlucken, als ich erfuhr, wann sie ihre Tochter Loreley gehen ließ. Gerade einmal 7 Wochen vor ihrer Kontaktaufnahme zu mir.

Marion Glücks Buchtherapie

Marion nutzte das Schreiben als Buchtherapie. Genau wie ich. Im Artikel „Wie Schreiben meine Seele heilte“ erzähle ich, was der Tod meines Sohnes in mir auslöste, und wie ich meine Trauer durch das Schreiben bewältigte.

Marion tat dasselbe, ging jedoch noch einen Schritt weiter. Sie nutzte mein Sternekind-Buch als Trainingsmittel. Sie wollte herausfinden, wie stabil sie schon war. So kam es, dass sie mein Buch las und rezensierte.

Nach wie vor bin ich beeindruckt, wie schnell sie das nach dem Verlust ihrer Tochter schaffte. Auch wenn ich inzwischen weiß, wie sie tickt, und dass ich nicht die einzige bin, die so denkt. Spoiler: Steht im Buch. 😉

Nachdem ich über unseren Austausch zu einer ihrer Testleser:innen wurde, las ich nun das komplette Buch in seiner Endversion und bin davon überzeugt, dass es Betroffenen bei ihrer Entscheidung helfen wird. Eigentlich hilft es jedem, der eine schwere Entscheidung treffen muss. Die Theorie bleibt dieselbe. Nur der Kontext ändert sich.

Worum geht es genau in „Schwere Entscheidungen leicht treffen?“

Marion erzählt die Geschichte von und mit ihrer verstorbenen Tochter Loreley. Nach drei frühen Fehlgeburten sah bei der 4. Schwangerschaft alles perfekt aus. Für eine Weile.

Kurz nach der kritischen 12-Wochen-Grenze erhielt sie die Diagnose Spina bifida, oft bekannt als „offener Rücken“. Nach dieser Diagnose folgten einige Tests, um abzuschätzen, in welchem Ausmaß die Krankheit Loreleys Leben beeinflussen würde.

„Willkommen im Albtraum einer jeden Schwangerschaft. Die Achterbahn wurde zur Kotzmühle meines Lebens.“

Marion Glück – Schwere Entscheidungen leicht treffen: Schwangerschaftsabbruch oder Schwangerschaft austragen?

Eben noch glücklich schwanger und plötzlich hin- und hergerissen. Schließlich geht es bei solch einer Entscheidung um viel mehr als darum, die Schwangerschaft weiterzutragen oder sie abzubrechen.

„Es geht viel tiefer. Es ging ums Leben – um das Leben von mir und um das Leben von Loreley.“

Marion Glück – Schwere Entscheidungen leicht treffen: Schwangerschaftsabbruch oder Schwangerschaft austragen?

Das Buch ist ein Leitfaden, um schwere Entscheidungen leichter zu treffen

Marion hat in ihrem Beruf als Marineoffizier zahlreiche Entscheidungen getroffen. Rational und vor allem schnell. Immer anhand der 4 Phasen des Führungsprozesses, der ihr eingetrichtert wurde. Dieses Schema spulte also immer und immer wieder nach der Diagnose in ihrem Kopf ab.

Sie nimmt den Lesenden mit auf die Reise durch diese 4 Phasen. Mit jeder neuen Information – und da gab es viele – ratterten die Entscheidungsprozesse erneut los. Dennoch war ihr frühzeitig eines klar:

„Es wird eine Entscheidung sein, die ich nur einmal treffen kann. Eine Entscheidung fürs Leben, auch wenn es um die Entscheidung „Leben oder Tod“ geht.“

Marion Glück – Schwere Entscheidungen leicht treffen: Schwangerschaftsabbruch oder Schwangerschaft austragen?

Jede:r, der einen auffälligen pränatalen Befund erhält, steht vor dieser unumkehrbaren Entscheidung.

Doch jeder Fall ist anders. Schließlich sind wir Menschen unterschiedlich. Wir unterscheiden uns in Alter, körperliche Voraussetzungen, vorherige Erfahrungen, Partnerschaft, Familie, Freunde, Job, etc. So muss jede:r für sich entscheiden. Ja richtig – für sich selbst!

Eine Entscheidung zu treffen, ist immer egoistisch

„Es gab an dieser Stelle keine richtige oder falsche Entscheidung. Es gab meine Entscheidung. Sie sollte für mich stimmig sein.“

Marion Glück – Schwere Entscheidungen leicht treffen: Schwangerschaftsabbruch oder Schwangerschaft austragen?

Du findest diese Worte „hart“? Dann steckst du mitten drin in der Emotion. Und das ist bei dieser Thematik vollkommen normal. Und doch erklärt Marion immer wieder, wie wichtig es ist, in solch einer Situation rational zu bleiben. Bestätigt wurde ihr das ebenfalls von einer Ärztin in der Charité:

„Sie können die Entscheidung nicht im Sinne Ihres Kindes treffen. Sie wissen nicht, wie das Kind es erleben würde. Sie können die Entscheidung nur für sich treffen. Sie und Ihr Mann. Nicht für das Umfeld. Nicht für das Kind. Nur für Sie.“

Diese Aussage ist für mich eine der wichtigsten in diesem Buch, denn sie verdeutlicht, wie egoistisch der Mensch ist:

  • Wenn ich entscheide, ob ich einem kranken Kind das Leben schenke oder nicht, ist es meine Entscheidung. Das Kind hat kein Mitspracherecht.
  • Wenn ich entscheide, ob ich überhaupt schwanger werden und eine Familie gründen möchte, ist es ebenfalls meine Entscheidung. Zukünftige Kinder haben kein Mitspracherecht.
  • Wenn ich dann lebende Kinder bekomme, entscheide ich auch nach meinen eigenen Werten und Bedürfnissen.
    • Hausgeburt – ja/nein.
    • Stillen – ja/nein.
    • Impfen – ja/nein, usw.

Das Kind hat kein Mitspracherecht. Jedenfalls solange, bis es selbständig genug ist, um eigene (egoistische) Entscheidungen zu treffen.

Ist Marion ihre Entscheidung leicht gefallen?

Bestimmt nicht! Auch wenn Marion sich bewusst dafür entschied, ihre Tochter gehen zu lassen, fiel ihr die Entscheidung nicht leicht. Nur leichter als anderen.

Sie durchlief immer wieder die Phasen zur Entscheidungsfindung. Genau so wie viele Betroffene. Die meisten merken es nur nicht, weil sie die Theorie hinter der Entscheidungsfindung nicht kennen. Marion schon.

So sammelte sie alle notwendigen Informationen, um eine Entscheidung treffen zu können, mit der sie wieder glücklich werden würde. Sie führte Gespräche mit den Ärzten, schaute sich im Wartezimmer die Familien mit beeinträchtigten Kindern an, ließ sich Orthesen und andere Utensilien zeigen, die zu ihrem Leben mit Loreley gehören würden und setzte sich mit der Gesetzeslage, das Schwangerschaftskonfliktgesetz, auseinander. Auch einen Coach suchte sie auf, um ja nichts zu übersehen. Und selbstverständlich tauschte sich Marion mit ihrem Mann aus.

Wenn du das Buch liest, wirst du merken, dass es keine leichte Entscheidung war. Und doch hatte sie einige Vorteile, wenn es darum ging, eine schwere Entscheidung zu treffen:

  • Marion hatte das Schema der Entscheidungsfindung schon lange verinnerlicht.
  • Sie litt einige Jahre unter einer Depression und lernte in einer Therapie, wie wichtig es ist, sich selbst an die erste Stelle zu setzen.
  • Marion machte sich ein realistisches Bild von dem Leben, wie es „wahrscheinlich“ gewesen wäre. Hiervor verschließen viele Betroffene die Augen.  

Schreibstil und Sprache

Marion zieht einen von Seite eins an in den Bann. Die Seiten lesen sich einfach so weg. Ich war selbst erstaunt. Vor allem weil das Buch den Charakter eines Ratgebers hat und man eventuell trockene, faktenbasierte Texte erwartete.

Natürlich gibt es anschauliche Module und statistische Zahlen, jedoch leicht zugänglich erklärt. Außerdem erhält man immer wieder Einblicke in ihre eigene Geschichte mit Loreley. Die Mischung ist gut ausbalanciert, medizinische Fachbegriffe werden verständlich erklärt und auch auf Gefühle, die Betroffene spüren könnten, geht Marion ausführlich ein.

Sie verwendet kurze Sätze, variiert die Gestaltung des Textes und schreibt leicht und locker. Ich konnte ihren Worte zu jeder Zeit gut folgen. Und das ist imho sehr wichtig bei dieser Thematik. Schließlich sollen die Betroffenen Entscheidungshilfen so einfach wie möglich finden und verstehen.

Eigene Erkenntnisse nach dem Lesen

An dieser Stelle komme ich auf den Spoiler-Alert von oben zurück. Ich gebe zu, ich war überrascht, fast schockiert, wie schnell Marion den Tod ihrer Tochter verarbeitete. Als ich sie das erste Mal persönlich bei der Sternenkinder-Gedenkveranstaltung in Nauen traf, erzählte sie mir ihre Geschichte frei von der Leber weg.

Wie ich im Buch erfuhr, war ich eine von vielen mit diesen Gedanken. Doch Marion selbst hatte keinen Anteil an meiner persönlichen Einschätzung. Es hatte nichts mit ihr zu tun, sondern ausschließlich mit mir selbst. Es war meine (egoistische) Entscheidung, den Faktor Zeit einzubringen.

Ich verglich Marions Situation mit meiner, und ich brauchte wesentlich länger. Wahrscheinlich doppelt oder dreifach so lange. Es spielt eigentlich auch gar keine Rolle. Jede:r soll sich die Zeit nehmen, die er/sie braucht. Somit macht ein Vergleichen keinen Sinn. Das geht auch gar nicht.

Unsere Ausgangssituationen waren völlig unterschiedlich. Das Einzige, was sich glich, war der Fakt, dass eine Entscheidung gefällt werden musste. Und letztlich ließen wir beide unsere Kinder gehen. 

Neben der Diagnose, die Marion bereits während der Schwangerschaft bekam und sich somit etwas vorbereiten konnte, hatte sie sich zusätzlich – durch ihre frühere, bereits durchgestandene Depression, über die sie ebenfalls ein Buch schrieb „Das Leben ist BUND: Die lange Depression“ – mit ihren Werten und Bedürfnissen auseinander gesetzt.

Sie wusste, was sie brauchte, um ihre beste Entscheidung zu fällen, und tat dies, bevor sie sich für den Schwangerschaftsabbruch entschied. Nach dem Tod ihrer Tochter wartete natürlich die Trauer, genau wie für mich. Aber ich war – um beim Vergleichen zu bleiben – nicht so vorbereitet. Ich hatte ebenfalls rational und emotional entschieden, aber nicht so ausführlich.

All die Arbeit, die Marion durch ihre Therapie mit der Depression und in ihrer Entscheidungsfindung um Loreley geleistet hatte, leistete ich gleichzeitig mit meiner Trauerarbeit. Die Prozesse, die bei Marion automatisch abliefen, waren ein riesiger Kraftakt für mich. Kein Wunder also, dass es bei mir länger dauerte.

Doch auch ich habe gekämpft, mich nicht verschlossen, sondern geöffnet und dank meiner Trauergruppe und der Buchtherapie alles verarbeitet, was es zu verarbeiten galt.

Es hat sich gelohnt: Ich bin heute – genau wie Marion – wieder glücklich und im Reinen mit meiner Entscheidung. Und du kannst das auch!
Und mit diesem Buch geht es leichter!!!

Fazit & Sternebewertung

Marions Buch „Schwere Entscheidungen leicht treffen: Schwangerschaftsabbruch oder Schwangerschaft austragen?“ zeigt dir ihre persönliche Entscheidungsfindung. Sie weist mehrmals darauf hin, dass IHRE Entscheidung nicht DEINE ist. Sie nimmt dich lediglich mit auf die Reise durch ihre individuellen Entscheidungsprozesse.

Die Entscheidung, eine Schwangerschaft nach auffälliger pränataler Diagnose weiterzuführen oder nicht, ist wahrlich unvorstellbar für diejenigen, die das nicht durchleben mussten. Ich selbst kann mich in diese Situation nicht hineinversetzen, doch Entscheidungen müssen wir alle treffen. Auch schwere Entscheidungen.

So half mir das Buch, einige grundlegende Fakten über das Thema „Entscheidungen treffen“ zu lernen. Ich fand mich in einigen beschriebenen Situationen wieder, nur eben mit anderen Herausforderungen und in anderen Situationen. Und so lernte ich noch etwas über mich selbst.

Von mir gibt es eine ausdrückliche Leseempfehlung für dieses Buch!

5/5 Sterne

Lesung in Frankfurt am 27.1.2024

Am 27.01.2024 fand in Zusammenarbeit vom Familienzentrum Billabong in Frankfurt, Riedberg und Marion Glück eine Lesung zu diesem Buch statt, an der ich teilnahm.

In Anschluss gab es ein Podiumsgespräch. Moderiert von Tina Benz, in dem Marion Glück, Helga Schmidke vom Sternenkinderzentrum Odenwald, Anja Hohmann vom Billabong Familienzentrum und ich vom Verein Unsere Sternenkinder Rhein Main zu Wort kamen.

Es wurden die Themen Sternenkinder, Trauer und Hilfe thematisiert, und es wurde Betroffenen Gehör verschafft, die sich für eine Schwangerschaft nach pränatalem Befund entscheiden haben.

Wie hat dir das Buch gefallen, wenn du es gelesen hast?
Und falls nicht: was hat dich bisher daran gehindert, es zu lesen?

SAG ES WEITER:

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Marion

    Wow! Danke schön für diese wertvolle Rezension. Ich danke dir, dass du auch den Blick in deine Gedanken geteilt hast und ich freue mich sehr, dass wir uns bald in FFM wiedersehen. 🙂

    1. Stefanie Goldbrich

      Sehr gern, liebe Marion! Als Sternenkind-Mama fühlte ich mich fast dazu verpflichtet, hier einen Einblick in meine Gedanken zu geben. Allein um zu zeigen, dass nicht jeder gleich denkt und wir trotzdem im selben Boot sitzen. Nur durch Offenheit schaffen wir es, dass Menschen, und vor allem Frauen, untereinander toleranter werden. Und bei einem Thema wie deinem ist das wichtiger als bei vielen anderen. Schließlich soll jeder SEINE RICHTIGE schwere Entscheidung treffen, ohne sich hinterher rechtfertigen zu müssen. ❤️ Danke für dieses großartige Buch!

  2. Heiko Metz

    Liebe Stefanie,
    vielen Dank für den ausführlichen Einblick in das Buch. Das kommt direkt auf meine Lese-Liste.
    Schreiben wirkt für mich auch therapeutisch … wie spannend und schön, dass es dir und der Buchautorin ebenso geht.
    Viele Grüße
    Heiko

    1. Stefanie Goldbrich

      Danke für deinen Kommentar, lieber Heiko.

      Ja, für die einen wirkt schreiben therapeutisch, für die anderen reden. Aber auch malen, töpfern oder meditieren können helfen. Hier muss jeder seinen Weg finden. 🙂
      Lesen kann durchaus auch helfen. 😉 Ich bin gespannt, wie du Marions Buch findest.

      Liebe Grüße
      Stefanie

Schreibe einen Kommentar