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Mehrere Fehlgeburten: Alexandra erlebte 5 kleine Geburten

Wenn eine Frau mehrere Fehlgeburten erlebt, ist das nicht nur belastend für die Beziehung und die eigene Psyche. Es fällt vor allem auch schwer, immer wieder Mut aufzubringen, um es erneut zu versuchen. Und wer 3 Fehlgeburten hintereinander erfahren hat, sollte die Ursachen medizinisch abklären lassen.

Genau so geht es Alexandra. Sie erlitt bereits mehrere Fehlgeburten, hat bisher noch nicht die Hoffnung auf ein eigenes Kind aufgegeben und hat mir in einem Interview von ihren Erfahrungen erzählt.

Stefanie: Liebe Alexandra, du bist mehrfache Sternenmama. Mein tiefes Mitgefühl dafür. Dennoch freue ich mich, dass du davon erzählen möchtest. Stell’ dich doch als erstes bitte kurz vor.

Alexandra: Sehr gern. Ich bin Alexandra, 31 Jahre alt, komme aus Dresden und habe 5 Sternenkinder.

Stefanie: 5 Sternenkinder? Da hast du ja schon einiges durchmachen müssen!

Waren das wiederholte Fehlgeburten?

Alexandra: Ja genau. 2 Kinder habe ich in der 6. Schwangerschaftswoche (SSW) verloren, 2 in der 13. SSW und 1 in 16. SSW.

Stefanie: Oh je, 3 Mal hattest du sogar die kritische 12-Woche-Grenze geschafft. Das muss jedes Mal ein Schock für dich und deinen Mann gewesen sein.

Alexandra: Ja, das stimmt. Die ersten Schwangerschaften habe ich gar nicht gemerkt, da sie doch recht schnell wieder vorbei waren. Aber bei den letzten beiden waren wir sehr euphorisch. Wir wussten es frühzeitig, weil wir darauf hingearbeitet hatten. Mein Mann und ich kauften sogar mit vollendeter 12. SSW Kindersachen und schrieben eine Karte, um so den Großeltern die frohe Botschaft zu überbringen. Die Freude war riesengroß.

Stefanie: Umso schlimmer ist es, wenn man dann auch die traurigen Nachrichten überbringen muss. Das kenne ich. Aber wusstest du, dass du deine Sternenkinder ins Personenstandregister eintragen lassen kannst, auch wenn sie noch so klein verstorben sind?

Du kannst nach den Fehlgeburten eine „Existenzbescheinigung“ beantragen

Alexandra: Ja, das weiß ich inzwischen, habe es allerdings erst spät erfahren. Um diese Bescheinigung beim Standesamt am Geburtsort des Sternenkindes zu beantragen, braucht man einen Nachweis über die Schwangerschaften. Da ich jedoch nach den ersten 3 Fehlgeburten hintereinander den Frauenarzt gewechselt habe, habe ich nur die Nachweise für meine beiden letzten Sternenkinder besorgen können. Für diese beiden haben mein Mann und ich die Bescheinigungen erhalten.

Stefanie: Leider erfährt man vieles erst (zu) spät, weil die Aufklärung direkt am Anfang fehlt. Ich freue mich aber, dass du zumindest zwei Bescheinigungen erhalten hast. Welche Namen hast du den beiden denn gegeben?

Alexandra: Wir haben ihnen zwar richtige Namen gegeben – Anne und Anton -, nennen sie aber meist, wie schon in der Schwangerschaft, bei ihren Spitznamen: Möwe & Gummibärchen.

Stefanie: Das sind schöne Spitznamen. Sie klingen so, als hätten sie eine Bedeutung!

Alexandra: Na ja, Möwe hatten wir ausgesucht, weil mein Mann und ich gern am Meer sind und vor allem Rügen lieben. Hierzu habe ich sogar einen Instagram-Kanal. Und Gummibärchen, weil es im Ultraschall immer wie ein Gummibärchen aussah.

Stefanie: Ich finde es wundervoll, dass du so strahlst, wenn du von deinen Sternenkinder sprichst. Aber wie fühlst du dich, wenn du von ihnen erzählst?

Alexandra: Es gibt gute und schlechte Tage. Heute ist ein guter Tag. Da kann ich mit einem Lächeln von ihnen erzählen. Manchmal kann ich aber nicht mal an sie denken, ohne loszuweinen. Da bekomme ich kein Wort heraus. Wenn mich also jemand nach ihnen fragt, sage ich immer gerade heraus, was ich aushalte und was nicht.

Stefanie: Das ist gut, dass du das offen äußern kannst. Das sollten viel mehr Betroffene können. Das muss man jedoch erst lernen. Anfangs ist man ja selbst überfordert von all den neuen Gedanken und Gefühlen. Gab oder gibt es bei dir einen Gedanken, der dir, vor allem an schlechten Tagen, ständig durch den Kopf schwirrt?

Alexandra: Das Warum! Warum kann ich schwanger werden, darf die Kinder aber nicht behalten. Bin ich nicht gesund? Oder sind in meinem Körper zu viele Killerzellen, die der Grund für die mehreren Fehlgeburten hintereinander sind? Würden Medikamente helfen, um ein Kind zu halten? Wenn ja, welche und wie viele müsste ich dann einnehmen? Ich würde alles dafür tun.

„Wenn der Kinderwunsch, trotz der wiederholten Fehlgeburten, so groß ist, dass du immer noch Sehnsucht nach einem Kind hast.“

Stefanie: Diesen Satz kann ich selbst nur unterstreichen. Mir erging es ähnlich, allerdings mit dem Unterschied, dass ich jahrelang Patientin in einer Kinderwunsch-Klinik war. Ich erlitt mehrere Fehlgeburten, ohne dass je eine medizinische Ursache gefunden wurde.

Hast du dich zur Ursachenbestimmung nach den Fehlgeburten an eine Klinik gewandt?

Alexandra: Ja, letztes Jahr. Allerdings konnten keine Tests durchgeführt werden, weil ich direkt wieder schwanger war. Sie haben mir und meinem Mann Glück gewünscht und gesagt, wir sollen wiederkommen, falls die Schwangerschaft erneut frühzeitig endet.

Stefanie: Und habt ihr euch wieder in der Kinderwunsch-Klinik gemeldet?

Alexandra: Nein, wir hatten seither einfach keine Kraft. Es ist anstrengend, von himmelhochjauzend in diese tiefe Traurigkeit zu stürzen. Noch dazu muss ich jedes Mal die kleinen Geburten verarbeiten. Meiner Erfahrung nach ist jede Fehlgeburt anders und vor allem sagt dir jeder was anderes.

Stefanie: Das ist wohl wahr. Beim Thema „Kleine Geburt“ driften die Meinungen weit auseinander. Viele Ärzte erzählen die gruseligsten Geschichten, damit die Frauen einfach zur Ausschabung zustimmen.

Welche Erfahrungen hinsichtlich „Kleiner Geburt“ und Ausschabung hast du mit den Ärzten gemacht?

Alexandra: Beim ersten Mal war es das reinste Hin und Her. Ich fühlte mich nicht gut und fuhr ins Krankenhaus. Dort pendelte ich zwischen Notaufnahme und Gynäkologie, weil keiner recht wusste, wer verantwortlich ist. Dann gab es endlich einen Ultraschall. Es war erst die 6. SSW und die Ärztin meinte: „Ich kann leider nichts sehen.“

Am nächsten Tag bin ich zu meiner Frauenärztin gegangen. Sie machte einen Test und bestätigte, dass ich schwanger war, aber das Kind nicht mehr lebte. Sie gab mir daraufhin eine Überweisung fürs Krankenhaus und meinte, dass eine Ausschabung noch in derselben Woche vorgenommen werden würde. Ich hatte keine Ahnung und vertraute ihr.

Einen Termin erhielt ich allerdings nicht mehr in derselben Woche. Dafür fand jedoch die Narkosebesprechung und der Corona-Test statt. Mir kam das alles sehr steril und kühl vor.

Noch vor dem Ausschabungstermin ging die kleine Geburt von allein los. Erst leicht zu Hause, dann bin ich ins Krankenhaus. Es war schmerzvoll, aber mein Körper schaffte es allein.

Beim nächsten Mal war ich zwar schlauer, aber die Einstellung der Ärzte war gleich. Es war wieder Wochenende, als ich so ein komisches Gefühl hatte. Ich fuhr also auch dieses Mal ins Krankenhaus. Die Ärztin schallte, meinte jedoch, es sieht alles gut aus.

Das komische Gefühl verschwand nicht. Deswegen bin ich am Montag wieder zur Frauenärztin gegangen. Hier hörte ich den Satz, den niemand hören will: „Ich kann keinen Herzschlag mehr finden.“

Meine Welt brach zusammen. Doch anstatt mich zu trösten, streckte mir die Ärztin eine Überweisung zur Ausschabung entgegen. Ich sagte, dass ich das nicht will und es allein zu Hause durchstehen möchte. Daraufhin antwortete die Ärztin: „Nein, das dürfen sie nicht“.

Ich fing an, mich zu rechtfertigen, obwohl ich eigentlich keinen Kopf dafür hatte. Letztlich nahm ich einfach die Überweisung mit und ging heim.

Auch dieses Kind habe ich selbst geboren. In der Klinik war ich nur, um überprüfen zu lassen, dass keine Reste dringeblieben sind.

Stefanie: Oh man, ich höre das so oft und finde es unglaublich schade, dass uns Frauen eingeredet wird, dass wir das nicht schaffen würden. Dabei hat es die Natur so vorgesehen. Aber wir Sterneneltern werden ja nicht nur vom medizinischen Personal falsch verstanden, vom eigenen Umfeld fühlt man sich manchmal genauso missverstanden.

Gab es eine Aussage, die dich nach deiner Fehlgeburtserfahrung besonders ärgerte?

Alexandra: Oh ja! „Das war ja noch kein Kind, es war nur ein Zellhaufen“, sagte meine damalige Kollegin, die selbst Sternenmama ist. Das hat mich sehr getroffen, weil sie es eigentlich besser wissen müsste.

Aber neben den Aussagen meiner Frauenärztin und meiner damaligen Kollegin werde ich folgenden Satz einer Schwester im Krankhaus nie vergessen: „Hätten Sie das Kind nicht auffangen können?!“

Das war bei meiner ersten Fehlgeburt. Wie vorhin erwähnt fingen die Blutungen schon zu Hause an. Ich rief den Notarzt. Er brachte mich ins Krankenhaus und dort sollte ich vor der Untersuchung auf die Toilette gehen. Bei diesem Toilettengang ging mein Kind dann ab.

Da es mein erstes Mal war, hatte ich keine Ahnung. Doch anstatt aufgeklärt zu werden, wurden mir Vorwürfe gemacht. Gern hätte ich gewusst, wie eine kleine Geburt abläuft, was ich tun oder vorbereiten kann. Und selbst nach der Fehlgeburt habe ich keinerlei Infos erhalten. Kann ich meine Sternenkinder bestatten lassen? Oder wo würde ich ggf. diese Details bekommen? Ich habe mich komplett allein gelassen gefühlt.

Stefanie: Diese Erfahrung machen leider viele Frauen nach einer und selbst nach mehreren Fehlgeburten, Totgeburten oder dem plötzlichen Kindstod. Das muss sich ändern! Das betrifft nicht nur die reinen medizinischen Fakten und gesetzlichen Regelungen, sondern auch die Akzeptanz der Trauer um die verlorenen Kinder.

Hat sich deine Trauer mit den wiederholten kleinen Geburten verändert?

Alexandra: Ja, tatsächlich. Die Trauer nach den letzten 2 Fehlgeburten war viel schlimmer als bei den ersten 3. Wahrscheinlich war das so, weil ich bei den ersten Schwangerschaften gar nicht wusste, dass ich überhaupt schwanger war.

Bei den letzten beiden Schwangerschaften habe ich es recht früh erfahren. Da wünschten wir uns auch ganz bewusst Kinder. Beim letzten Mal schickte mich die neue Frauenärztin, aufgrund meiner Vorgeschichte, sogar ins Beschäftigungsverbot. Ich hatte also Zeit, mich mit der Schwangerschaft und der Entwicklung des Babys zu beschäftigten. Als ich es dann verloren habe, war ich total schockiert. Und das obwohl ich mir des Risikos bewusst war.

Stefanie: Oh je, das tut mir so leid. Und ich gebe dir recht: Mit dem positiven Test stellt man sich bereits auf ein Leben mit Baby ein. Man lässt eine Traumblase entstehen, die zerplatzt, wenn das Kind stirbt. Diese Welt der Trauer kann ein ganz schön anstrengender Ort sein. Was gibt dir denn Halt, wenn das nächste Trauertief kommt?

Alexandra: Ein neues Trauertief merke ich oft körperlich sehr stark. Erst sehe ich etwas verschwommen, dann folgt Migräne. Wenn das auf Arbeit passiert, beiße ich die Zähne zusammen und nehme Tabletten gegen die Migräne.

Psychisch ist mein Mann mein größter Halt. Er ist mein Fels in der Brandung, der mir immer zuhört und immer für mich da ist. Außerdem gehe ich, wenn ich zu Hause bin, ans Grab.

Stefanie: Das kann ich gut nachvollziehen. Diese Schicksalsschläge schweißen im besten Fall arg zusammen. Und so wie ich dich kennengelernt habe, werdet ihr gemeinsam weiterkämpfen, richtig!?

Alexandra: Ja natürlich! Wir haben in den letzten Monaten Kräfte gesammelt und sind nun bereit, einen weiteren Versuch zu starten. Allerdings möchten wir tatsächlich vorher einige Tests in einer Kinderwunschklinik machen lassen. Einfach um die Ursache herauszufinden. Der Termin in der Klinik steht schon. Und wenn es tatsächlich einen Grund gibt, weswegen ich keine Kinder bekommen kann, habe ich zumindest einen Grund, aufzuhören es zu probieren.

LESETIPP: Auch für Inga und ihren Mann Thomas ist nach 3 Fehlgeburten nacheinander aufgeben keine Option. Lies ihren Erfahrungsbericht „Wir werden nicht aufgeben“, sagt Inga nach dem ersten Trauerjahr.

Stefanie: Deine Einstellung finde ich großartig! Ich drücke euch beide Daumen, dass ihr möglichst schnell die Ursache findet. Ich bin mir sicher, dass es eine passende Unterstützung gibt. Schließlich ist das schwanger werden bei euch kein Problem und das ist schon mal die Grundvoraussetzung, um den Traum von eigenen Kind zu erfüllen. Möchtest du abschließend noch etwas sagen?

Alexandra: Sehr gern! Ich möchte alle Sternenmamas dazu ermutigen, sich Infos vor der nächsten Schwangerschaft einzuholen. Wenn man noch nie schwanger war oder Kontakt zu Schwangeren hatte, weiß man selten etwas über diese Thematik. Aber spätestens nach der ersten Fehlgeburt sollte man sich damit beschäftigen. Wendet euch an Sterneneltern-Vereine, tretet unserer Austausch-Community auf Facebook bei und vor allem holt euch das Sternenband.

Allen Nicht-Betroffenen möchte ich sagen, dass mehr Empathie schön wäre. Ihr müsst unsere Trauer gar nicht verstehen, aber ihr solltet sie akzeptieren und sie nicht abtun. Wir Sterneneltern müssen den Verlust verarbeiten und das dauert eben manchmal etwas.

Worte von mir (Stefanie) an Alexandra

Liebe Alexandra, auch wenn wir uns zu einem Interview, dessen Thema eher erdrückend sein kann, getroffen haben, hat es mir viel Freude bereitet. Du bist eine starke Frau mit viel Energie. Ich bin mir sicher, dass du deinen Weg gehen wirst und ganz vielen Frauen mit deiner Lebensfreude anstecken und ihnen Mut machen kannst.

Ich wünsche dir und deinem Mann viel Glück auf eurer Kinderwunsch-Reise und würde mich freuen, ab und zu ein Update auf deinem Instagram-Kanal zu sehen.

Willst du Alexandra ebenfalls ein paar Worte da lassen? Melde dich gern direkt bei ihr oder hinterlasse unten einen Kommentar für sie. 👇

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