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Buch-Rezension: „BYE – Wir sprechen von Tod, Abschied und dem, was bleibt” von Laura Letschert und Julia Allmann

„Lebe, als würdest du sterben“ stand auf der Karte, die ich beim ersten Durchblättern im Buch „BYE – Wir sprechen von Tod, Abschied und dem, was bleibt“ entdeckte.

Mein erster Gedanke war: Ziemlich anmaßend, oder!? Wahrscheinlich habe ich sogar den Kopf dabei geschüttelt. Doch während des Lesens habe ich den Satz verstehen gelernt.

Jedes Interview brachte mich ein Stück näher an diesen Spruch. Die unterschiedlichen Perspektiven – den eigenen Tod vor Augen, der Tod von geliebten Menschen, Angst, auf der Flucht zu sterben, Erfahrungen in der Sterbe- und Trauerbegleitung – haben mir gezeigt, dass er alles andere als anmaßend ist.

Nach dem Lesen des Buches BYE ist der Spruch „lebe, als würdest du sterben“ für mich eher ein warmherziger Rat, der mich den Rest meines Lebens begleiten wird. Warum ich das so empfinde und wie ich das Buch sonst fand, erfährst du in dieser Rezension.

Worum geht es im Buch BYE?

Wie der Titel verrät, handelt das Buch „BYE – Wir sprechen von Tod, Abschied und dem, was bleibt“ vom Tod und Sterben, vom Abschied nehmen und Trauern, aber auch vom Leben und der Gewissheit, dass nichts gewiss ist.

Unser Leben ist endlich. Das macht vielen Menschen Angst. Angst, weil man keine Kontrolle oder Garantie hat, was morgen sein wird. Genau aus diesem Grund ist unser Leben kostbar.

Jeder Morgen, an dem wir gesund aufwachen, ist ein Geschenk. Denn nicht jeder Mensch hat dieses Glück. Einige sind körperlich (unheilbar) krank, andere haben mit psychischen Einschränkungen zu kämpfen. Beides ist schwierig zu ertragen, für einen selbst und für unsere Gesellschaft. Über die daraus resultierenden Tabuthemen wird oftmals geschwiegen, was alles noch schlimmer werden lässt. Aus diesem Grund ist Offenheit auch bei diesen Themen der Schlüssel zum Glück. Und genau das geschieht in diesem Buch.

Die Gedanken der Autorinnen Laura Letschert und Julia Allmann in Form der IMPULSE sowie die Interviews mit verschiedensten Menschen offenbaren eine Vielzahl an Perspektiven und Einsichten, die zum Nachdenken anregen.

Unterschiedliche Personen vermitteln eine Bandbreite an Erfahrungen und Erkenntnissen, die das Leben in seiner Endlichkeit reflektieren. Und letztlich zeigen sie, wie sie leben, als würden sie sterben. Jeder von seinem persönlichen Standpunkt aus.

Mein Highlight im Buch BYE

Die Themen Tod, Trauer und Sterben eignen sich weniger zum Smalltalk. Das ist nicht nur meine persönliche Erfahrung, sondern sticht deutlich auch im Buch heraus, wenn Trauerbegleitende von ihrem Alltag erzählen oder Betroffene von den Reaktionen aus ihrem Umfeld erzählen.

Nichts davon war für mich neu. Im Gegenteil: Vieles davon habe ich selbst erlebt. Früher fragte ich mich sogar, ob ich beim nächsten Mal lieber lügen sollte, nur um keine dieser erstaunten, betroffenen oder verletzten Reaktionen einzukassieren.

Doch ich blieb bei meinem Standpunkt und machte weiter. Inzwischen gibt es immer noch diese Reaktionen, allerdings gemischt mit interessierten Fragen und Dankbarkeit für meine Offenheit.

Das Buch BYE bestätigte meine persönliche Einstellung zum Umgang mit Tod und Trauer mit jedem einzelnen Kapitel. Ich fühle mich nun weniger „anders“. Dafür ein ganz großes Dankeschön!

Danke an die Autorinnen, den Verlag und alle anderen Mitwirkenden für den Mut, Teil dieses Buch-Projektes zu sein und es zu veröffentlichen.

Natürlich gab es weitere Highlights sowie neue Blickwinkel – einige, für mich wichtige, möchte ich im Folgenden hervorheben.

Das Leben vom Tod aus betrachten

Direkt im ersten Interview eröffnete die Philosophie-Dozentin Dr. Sylvia Brathuhn einen neuen Blickwinkel für mich. Sie ermutigt, das Leben vom Standpunkt des Todes aus zu betrachten.

Viel zu oft reflektieren wir Menschen unser Leben erst am Ende. Dabei tätet ein Blick zwischendurch auf das, was bisher war und was wir am Ende unseres Lebens darüber denken könnten, gut:

  • Was war in den letzten 2 Jahren gut?
  • Was hätte letztes Jahr nicht sein müssen?
  • In welcher Situation hätte ich anders reagieren sollen, habe mich aber nicht getraut?

Die Antworten auf diese Fragen können uns in der Gegenwart helfen, Dinge zu ändern, sie in die richtige Richtung zu lenken und vor allem sie vor dem eigenen Tod noch zu erledigen.

Ob das gelingt? Keine Ahnung! Einen Versuch ist es jedoch wert.

Aufgrund ihrer eigenen Trauer- und Krankengeschichte, beruflicher und ehrenamtlicher Arbeit bietet Dr. Sylvia Brathuhn im Buch BYE jede Menge Anregungen, wie man sein Leben bewusster und erfüllter gestalten kann, um so zu „leben, als würde man sterben“.

Seine Endlichkeit begreifen

Auch Johanna Klug, Sterbe- und Trauerbegleiterin, spricht sich dafür aus, im Hier und Jetzt zu leben und gleichzeitig seine Endlichkeit zu begreifen.

Wenn es jetzt vorbei ist, dann ist es okay. Dazu gehört für mich, dass man sein Leben immer wieder reflektiert und so etwas wie eine Inventur macht: Wie lebe ich gerade mein Leben – und fühlt sich das gut an?“

erklärt Johanna

Niemand will sich am Ende seines Lebens fragen müssen, wieso er dies oder das (nicht) getan hat. Daher sollte sich jede:r zu Lebzeiten mit seiner Endlichkeit auseinandersetzen und sie ins eigene Tun integrieren.

Die Kunst von Akzeptanz und dem Loslassen

Krisen und Schicksalsschläge treten meist ungewollt, unerwartet und in jedem Alter auf. Wir haben keine Kontrolle über sie und doch gehören sie zu unserem Leben. Genau deswegen machen sie uns Angst, wütend, ohnmächtig und oft hilflos.

Jeder Mensch reagiert anders auf Trauer, denn genau das passiert bei Krisen. Wir trauern um die Zukunft, die wir uns gewünscht oder vorgestellt haben und nun nicht mehr sein wird. Das ist vollkommen normal und läuft in den Phasen der Trauer ab.

Das Akzeptieren und Loslassen, die 4. Phase der Trauer, ist für einige Menschen schwer zu erreichen und doch essenziell. Sie lässt uns mit unserem zukünftigen, neuen Leben oder dem Sterben auseinandersetzen.

Eindrucksvolle Geschichten zu genau diesem Thema erzählen Thomas Krauss und Dorothée Mellinghaus im Buch BYE. Beide befassten sich ausgiebig mit dem Sterbeprozess und lernten loszulassen.

Vom Leben Abschied nehmen

Thomas Krauss wartet auf ein Spenderherz und gibt unglaubliche Einblicke in seine Gedanken – ausgehend von der Diagnose, über das Voranschreiten seiner Erkrankung bis hin zur Vorbereitung auf den Tod.

Seine Krankengeschichte ist ungewöhnlich. Immer wieder wurde von den Ärzten bestätigt, dass er ein unglaublicher Kämpfer ist. Dennoch verabschiedete er sich bereits einmal vom Leben.

Vorher schaute er jedoch auf sein Leben zurück – mit dem Ziel, mit dem Vergangenen im Reinen zu sein. Natürlich wollte er leben, doch er war machtlos. So entschied er, dass er gut gelebt hatte, und es somit okay wäre, wenn er sterben müsste.

Ich musste also rückwärts träumen und nicht nach vorne.

Letztlich müssen wir alle sterben. Und so lebt Thomas, als würde er sterben.

Selbstbestimmt Sterben

Dorothée Mellinghaus erlitt erste Traumata in der Kindheit. Rückhalt gab es keinen, Zuwendung innerhalb der Familie ebenfalls nicht. Daher lebte sie bereits früh mit Depressionen und seelischem Schmerz.

Sie ging ihren Weg – selbstbestimmt, ereignisreich und schicksalshaft. Frau Mellinghaus spricht davon, dass sie lebenssatt ist. Nicht lebensmüde! Sie hat so viel in ihrem Leben erlebt. Auch schöne Dinge. Doch jetzt möchte sie selbstbestimmt sterben, wenn möglich durch eine Freitodbegleitung.

„Das Sterben an sich hat tatsächlich gar keinen Schrecken für mich. Es ist für mich ganz selbstverständlich, es ist das Ende meines Lebens, und mein Leben war okay, mit all den schweren Phasen und mit all meinen Traumata – und ich bin dankbar, dass ich das so pragmatisch sehen kann.“

erklärt Dorothée Mellinghaus

Frau Mellinghaus hat bereits all ihren Nachlass organisiert, ihre Beerdigung geplant und das Geld dafür bereitgelegt. Sie lebt, als würde sie sterben.

Die Erfahrungen dieser beiden Menschen geben tiefe Einblicke in die Bedeutung von Lebensrückblicken, den Umgang mit unvermeidbaren Schicksalsschlägen und vor allem dem Akzeptieren und Loslassen.

Mentale Gesundheit und Resilienz

Über den Tod nachzudenken, das ist nicht für jeden einfach. Hier bedarf es mentaler Stärke und Resilienz. Die einen bekommen diese Fähigkeit in die Wiege gelegt, andere müssen es auf die harte Tour lernen.

Alles eine Frage der Einstellung

Wenn man immer auf der Sonnenseite des Lebens stand und plötzlich eine unheilbare Erkrankung bekommt, kann man entweder den Kopf in den Sand stecken oder es so machen wie Philipp Hanf:

Erstaunlicherweise wurde dadurch aber nicht alles düsterer und sinnloser. Ich habe gemerkt, wenn ich meine Erwartungen adaptiere, freue ich mich eben über andere Dinge als noch vor fünf Jahre.“

erzählt Philipp

Philipp bekam nach seiner Diagnose eine durchschnittliche Lebenserwartung von 2,5 Jahren genannt. Das Interview zum Buch BYE führte er 6 Jahre nach Diagnose. Philipp wird an dieser Krankheit sterben, doch er hat noch so viele Projekte nach seiner Diagnose angestoßen und unterstützt und vor allem sehr intensiv gelebt. Viel bewusster als vorher.

Auf diese Weise hat er viele Erkenntnisse gewonnen und immer mehr Dankbarkeit empfunden. Auch dass er sich in den letzten Jahren viel Zeit für sich nehmen konnte.

Und ich empfinde es nicht als schlimm, jetzt irgendwann zu sterben, weil ich glaube, das Ziel ist es nicht, möglichst alt zu werden – sondern möglichst glücklich.

Philipp hält dank seines positiven Mind-Sets und seiner Resilienz Vorträge vor 30.000 Menschen, um über seine Krankheit aufzuklären und Betroffenen zu helfen:

Das sind alles Dinge, die ich total spannend finde und die ich einfach machen möchte. Natürlich bin ich danach total platt und liege zwei Tage nur im Bett – aber immerhin liege ich dort mit einem breiten Grinsen.“

Philipp lebt, als würde er sterben, und dafür bewundere ich ihn.

Wenn suizidale Gedanken im Kopf herumschwirren

Melanie Faltermeier litt an Burnout, Depression und einer Angststörung, erlitt im Büro einen Zusammenbruch und verließ anschließend es mit den Worten „Ich komme morgen wieder“. Doch das tat sie nicht. Ihre Ärztin schrieb sie krank. Drei Monate später ging es für Melanie in die Klinik.

Bereits vor dem Zusammenbruch hatte Melanie suizidale Gedanken und beim Warten auf den Klinikplatz kamen sie wieder. Ihre Situation war so belastend für sie, dass Gedanken wie

„Ich möchte das jetzt nicht mehr“

in ihrem Kopf herumschwirrten.

Verzweiflung machte sich in ihr breit, doch in der Klinik lernte sie schließlich, dass sie in diesen Momenten das Krisentelefon anrufen kann. Das hat ihr geholfen.

Es müssen nicht immer körperliche Krankheiten sein, die uns dem Tod näherrücken lassen. Auch psychische Krankheiten können eine Ursache sein. Das Fatale daran ist, dass sie nicht so offensichtlich sind und viel zu oft unterschätzt werden.

Hier ist die Selbstwirksamkeit der wichtigste Baustein. Mentale Gesundheit ist in unserer heutigen hektischen und schnelllebigen Zeit essenzieller denn je.

Aus diesem Grund schlug Melanie einen neuen beruflich Weg ein, ist Co-Gründerin der Mental Health Agentur und doziert nun über dieses Thema. Allem voran steht ihre eigene Geschichte.

Beide Geschichten ermutigen dazu, das Leben bewusst zu leben und sich den Herausforderungen des Sterbens mutig zu stellen.

Der Trauer ausreichend Raum geben

Seinen eigenen Tod zu akzeptieren ist das Eine, den Tod eines lieben Angehörigen oder Freund anzunehmen ist etwas ganz anderes. Hier erscheint es fast noch schwieriger, in die 4. Phase der Trauer zu gelangen. Schließlich haben die Verstorbenen mit ihrem Tod die Ziellinie erreicht, die Hinterbliebenen laufen in diesem Moment allerdings erst los und müssen ihr Leben lang mit dem Verlust leben.

Aus diesem Grund war ich froh, das Interview von Leo Ritz und Hendrik Thiele, die Inhaber von Junimond-Bestattungen, zu lesen.

Leo und Hendrik möchten nicht, wie die meisten Bestattungsinstitute, die teuersten Särge oder edelsten Urnen verkaufen, sondern möchten sich auf ihre eigentlichen Dienstleistungen fokussieren: der Trauer ihrer Kunden möglichst viel Raum geben.

Durch diese offene und trostvolle Art geben Leo und Hendrik ihren Kunden das, was sie sich selbst in dieser Extremsituation wünschen würden – einen Platz mitten im Leben:

  • Ein einladendes Büro, dass Menschen für einen Co-Working-Space hielten
  • Die Möglichkeit für jeden, offen mit dem Tod umgehen zu können – so kamen die Nachbarskinder bspw. vorbei und haben ihre Puppen zum Probeliegen in den Sarg hineingelegt (übrigens kann man auch selbst im Sarg Probeliegen)
  • Eine Vielfalt an Trauerverarbeitungsoptionen, die gleichzeitig wertvolle Aufklärungsarbeit ist – so erläutern sie, woran Trauernde teilnehmen können, z.B. bei der Verbrennung im Krematorium (was wohl viele Bestatter weder erzählen noch wünschen), oder welche Optionen sie haben, z.B. Sarg oder Urne bemalen (mir wurde das damals leider nicht gesagt)

Besonders schön fand ich den Hinweis, dass Leo und Hendrik auch Sterneneltern begleiten und ihnen und ihren Familien Zeit mit den verstorbenen Kindern verbringen lassen.

Bei dieser Art der Trauer kommt ja erschwerend hinzu, dass viele den Eltern nahestehende Menschen dieses Kind niemals zu Gesicht bekommen und so nicht nur die Elternschaft, sondern auch die Trauer der Eltern um ihr bei den Freunden und Bekannten oft etwas nicht wirklich Greifbares bleibt, was sich dann wiederum auch auf die Akzeptanz und das Nachvollziehen dieser negativ auswirken kann

erklärt Leo

Ihre Offenheit nimmt nicht nur die Angst vor dem Tod, sondern trägt dazu bei, dass sich die Gesellschaft öffnet kann. Und selbst ihrem eigenen Tod stehen sie offen gegenüber. Sie leben, als würden sie sterben. Bei ihren Ausführungen musste ich schmunzeln, weil ich mir ähnliche Reaktionen in meinem Umfeld vorstellen kann.

Ich bin überzeugt: Du stirbst nicht eher, wenn du dich mit deinem Tod auseinandersetzt, aber vielleicht stirbst du besser

sagt Hendrik am Ende des Interviews

Denk‘ mal drüber nach! 😉

Ein Blick in die Tiefe der menschlichen Erfahrung

Weitere persönliche Geschichten im Buch BYE geben Einblicke in die Tiefe der menschlichen Erfahrung von Verlust, Trauer und dem Umgang mit dem Unausweichlichen. Ihre Erzählungen zeigen, wie vielfältig und einzigartig jeder individuelle Umgang mit Tod und Sterben ist.

Wenn man es nicht ändern kann

Die Geschichte von Silke Steinraths, deren 6-jähriger Sohn Jolle aufgrund eines Gehirntumors starb, berührte mich besonders. Nicht nur, weil ich als Sternenkind-Mama ebenfalls meinen Sohn beerdigte und mich viele Situationen triggerten, sondern weil die Geschichte von Jolle zeigt, dass Kinder noch die Fähigkeit besitzen, intuitiv so zu leben, als würden sie sterben. In welchen Stadium haben wir Erwachsene das verlernt?

Außerdem kann ich Silkes folgende Erkenntnis zu 100% bestätigen:

Der Verlust selbst ist natürlich furchtbar […] Aber wenn man es so sehen möchte, kann man im Nachhinein sagen: Es ist ganz viel Schönes passiert, was sonst nicht so passiert wäre. Auch wenn ich weiß, dass manche Eltern, die ein Kind verloren haben, das nie sagen würden. […] Ich kann es nicht ändern und jetzt muss ich das Beste draus machen. Das schaffe ich, indem ich mir positive Dinge heraussuche und nicht immer nur sage, wie scheiße alles ist.“

Heilende Trauer

In der Trauer gibt es kein Richtig oder Falsch. Jeder trauert auf seine eigene Weise. Das hat auch Christina Wechsel erkannt:

„Wichtig ist nur, dass man trauert. Mir ist im Nachhinein bewusst geworden, dass es so unglaublich wichtig ist, zu trauern, damit man diese schmerzhafte Trauer in eine heilende Trauer transformieren kann.“

Christina hat bereits mehrere Verluste erlitten. Die einen starben langsam, andere ganz plötzlich. Diese Situationen haben ihr gezeigt, dass oftmals bis zum letzten Augenblick gewartet wird:

Warum wartet man auf das Ende, um jemandem etwas zu vergeben oder ihm zu sagen, dass man ihn liebt oder ihm danken will?“

Jeder kann im Hier und Jetzt sagen, was er denkt und fühlt. Und am Ende, wenn es dann doch zu spät ist, macht man sich Vorwürfe. Christina macht daher in ihrem Interview aufmerksam, alles offen anzusprechen, wenn es etwas zu sagen gibt – Positives und Negatives gleichermaßen.

Eben so, wie es Kinder oft tun.

Trauerbegleitung von Kindern

Als Mutter eines Kindes, das Abschied von seinem Bruder nehmen musste, weiß ich heute, wie bedeutsam die Begleitung trauernder Kinder ist. Damals in meiner akuten Trauer hatte ich keinen Blick dafür. Aktive Hinweise erreichten mich nicht.

Die Themen Tod und Trauer sind in unserer Gesellschaft allgemein so stark tabuisiert, dass die Trauer verwaister Geschwister noch öfter vergessen wird als die naher Angehörige. Dabei ist sie essenziell.

Mara Bork, Trauerbegleiterin für Kinder und Jugendhilfe, erzählt im Buch BYE, dass der Tod für Kinder oftmals nicht endgültig ist. Vor allem weil sie es sich bis zu einem gewissen Alter noch gar nicht vorstellen können. Deshalb ist es wichtig, ihnen zu erklären, dass der Verstorbene nicht wiederkommen wird.

Allerdings sollten sie ihre kindliche Vorstellung bewahren und sich ihre Neugier behalten dürfen. Hierbei spielt die Empathie des Umfeldes eine große Rolle. Wenn Kinder also eine tote Taube finden und beerdigen möchten, dürfen wir als Erwachsene gern mithelfen und Anteilnahme zeigen.

Mutig sein, nicht immer in Schubladen denken und einfach mal ausprobieren – so wie es Kinder tun – , das könnte vielen Erwachsenen helfen, die Lebensperspektive zu ändern und sich leichter zu fühlen.

Letztlich müssen Kinder genauso wie Erwachsene ihren eigenen Weg finden, mit der Trauer umzugehen. Ihre Trauer verändert sich dabei womöglich stärker als bei Erwachsenen, da sich ihr Verständnis vom Tod mit steigendem Alter ändert. Offen innerhalb der Familie zu trauern, geht in jedem Fall leichter als still und leise für sich allein.

Sprache und Schreibstil in BYE

Das Buch enthält unterschiedliche Sprachstile, da die persönliche Charakteristik jeder interviewten Person beibehalten wurde. Auch die Impuls-Kapitel von Laura und Julia waren individuell formuliert. So erkannte ich, ohne den Namen zu lesen, welche der beiden Autorinnen den entsprechenden Impulse verfasste. Das lässt das Buch BYE sehr authentisch wirken.

Lediglich die gekürzten Fragen in den Interviews musste ich ab und an wiederholt lesen, da mich die Antwort irritierte. Bei schnellem Querlesen fällt es vielleicht nicht auf. Mich, als intensive Leserin, störte es jedoch einige Male.

Für wen ist das Buch BYE geeignet?

Das Buch „BYE – Wir sprechen von Tod, Abschied und dem, was bleibt“ ist für viele Menschen geeignet:

  1. Menschen, die sich persönlich mit dem Thema Tod, Trauer und Sterben auseinandersetzen möchten, sei es aufgrund eigener Erfahrungen oder aus Interesse an diesem existenziellen Thema
  2. Angehörige von Verstorbenen, die nach Unterstützung und Anregungen suchen, wie sie mit ihrer eigenen Trauer umgehen können oder wie sie trauernde Kinder oder Jugendliche begleiten können
  3. Fachkräfte aus den Bereichen der Trauerbegleitung, Psychotherapie, Sozialarbeit, Pädagogik oder Medizin, die ihre Kenntnisse erweitern und von den Erfahrungen und Erkenntnissen der Interviewpartner profitieren möchten
  4. Menschen, die in der Sterbebegleitung oder in Bestattungsunternehmen tätig sind und nach neuen Perspektiven und Herangehensweisen suchen, um ihre Arbeit einfühlsamer und effektiver zu gestalten

In jedem Fall sollte man in seiner eigenen Identität gefestigt sein, da die ein oder andere Geschichte aktiv verarbeitet werden muss. Bei Jugendlichen würde ich daher auf die allgemeine Psyche und die bisherigen Erfahrungen in diesem Themenbereich achten.

Fazit zum Buch

Das Buch BYE bietet eine inspirierende Sammlung an Lebensgeschichten und Perspektiven, die dazu ermutigen, das Leben bewusst zu leben, und den Tod und die Trauer als Teil des Lebens anzunehmen. Oder wie es die Journalistin Alexa von Heyden bereits im Vorwort des Buches BYE so schön zusammenfasste – man kann Trauer nicht einfach wegmassieren.

Das Buch lädt außerdem dazu ein, über die eigenen Werte und Prioritäten nachzudenken und sich aktiv mit dem Sterbeprozess auseinanderzusetzen. Insgesamt ist es eine eindringliche Erinnerung daran, dass das Leben kostbar ist, und es sich lohnt, das Leben in vollen Zügen zu genießen, während man sich gleichzeitig auf das Unvermeidliche vorbereitet.

Meine Bewertung zum Buch BYE

Es gibt tatsächlich drei Punkte, die mir persönlich nicht so gut gefallen haben:

1. Die Triggerwarnung zu Beginn des Buches BYE

Da im Untertitel eine klare Positionierung steht, ist solch eine Warnung imho unnötig. Es steht genau das im Buch, was der Titel und der Klappentext versprechen.

2.  Konflikte in den Familiengeschichten

In einigen Interviews kommen (versteckte) Konflikte aus den Familiengeschichten ans Licht. Ich persönlich finde das suboptimal und verzichte in meinen eigenen Interviews mit Sterneneltern auf so individuelle Auseinandersetzungen. Sie können weder auf die eigene Familie übertragen werden, noch ist die Konstellation und die Menschen, die sie bilden, ähnlich.

Zudem könnten durch die Veröffentlichung des Buches unschöne Konsequenzen folgen, wenn die beschriebenen Personen nichts davon wussten. Ich hoffe inständig, dass das im Vorhinein mit den Betroffenen besprochen und von ihnen abgesegnet wurde. Anhaltspunkte dafür habe ich nicht entdeckt.

3. Gekürzte Fragen in den Interviews

Mir ist bewusst, dass die Interviews nicht in vollem Umfang niedergeschrieben werden konnten. Dennoch störten, wie unter Sprache und Schreistil erwähnt, einige Formulierungen den Lesefluss.

Nichtsdestotrotz gebe ich dem Buch BYE 5 von 5 Sternen und somit eine ausdrückliche Leseempfehlung.

5-Sterne-Bewertung

Warum? Weil es eine unglaublich gute und wichtige Lektüre ist.

Das Buch BYE leistet einen wertvollen Beitrag zur Weiterentwicklung unserer Trauerkultur, in dem es die Offenheit, das Verständnis und die Empathie fördert und gleichzeitig Tabus rund um die Themen Tod, Trauer, Endlichkeit und Sterben bricht. Das schafft wohl kein zweites Buch.

Hast du das Buch BYE auch schon gelesen hast? Wenn ja, was war dein Highlight?

Falls du es noch nicht gelesen hast, warum nicht?

Ich bin auf deine Antwort im Kommentarfeld gespannt! 😊

Das Buch wurde mir von Palomaa Pbulishing zur Verfügung gestellt. Ich bedanke mich dafür herzlich. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

SAG ES WEITER:

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Michael Troesser

    Guten Tag Frau Goldbrich, vielen Dank für diese umfangreiche und qualifizierte Besprechung des Buches „Bye“, das ja ein Thema aufgreift, welches uns alle betrifft und zu dem Sie ja durch Ihr Leben und Erleben eine besondere Beziehung haben. Dass Sie die Karte LEBEN hier einbauen, finde ich sehr hilfreich, denn das ist ein Buch, das durch die Behandlung des Tabuthemas Sterben auch ein Buch über das Leben ist, das grade durch die Endlichkeit eine besondere Bedeutung und Wertigkeit erhält. Für Ihre sehr wertvolle Arbeit, das Thema Sterben und Tod aus der Tabuzone zu holen und Menschen dabei zu helfen, wünsche ich auch weiterhin viel Erfolg. Allerbeste Grüße Michael Troesser

    1. Stefanie Goldbrich

      Guten Abend Michael Troesser,

      herzlichen Dank für Ihr Feedback und den Hinweis auf die Karte. Sie war es erst, die mich veranlasst hat, über das Leben nachzudenken, obwohl ich ein Buch über den Tod und das Sterben las. Da das Buch Tabus bricht und offen über Themen gesprochen wird, die sich viele Menschen nicht einmal trauen zu denken, konnte ich nicht anders, als über das Leben zu schreiben. Denn kommen wir selbst einmal in die Situation, solche Gedanken zu haben, ist es unter Umständen zu spät für das Leben.

      Das Leben ist so kostbar, dass man jeden Tag intensiv auskosten sollte… immer mit dem Bewusstsein, dass es endlich ist, und wir den Zeitpunkt unseres Endes nicht kennen.

      Viele Grüße
      Stefanie

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