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Wie ich die Angst vor dem (eigenen) Tod überwand

Hast du Angst vor dem Tod? Ich gebe zu, es ist eine unübliche Frage. Schließlich ist der Tod ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Dennoch habe ich als Sternenkind-Mama viele Reaktionen in diesem Bereich gesammelt. Meist ungewollt.

Es ging immer um den Tod anderer. Oft um den Tod meines Sohnes. Ich fragte, warum so viele Menschen Angst vor dem Tod haben. Ab und zu bekam ich eine Antwort. Auf meine Frage hinsichtlich des eigenen Todes jedoch nicht.

Im Rahmen der Blogparade 1 – 2 – 3, Angst vorbei! Dieser Angst habe ich mich gestellt von Shivani Vogt möchte ich dir erzählen, wie sich meine Einstellung zum (eigenen) Tod geändert hat. Vielleicht kannst du den einen oder anderen Gedanken für dich mitnehmen?

Warum hat man Angst vor dem Tod?

Die Angst vor dem Tod begleitet uns Menschen schon lange. Wahrscheinlich solange es uns gibt. Zumindest gibt es Textfragmente aus dem religiösen und philosophischen Bereich der griechischen Antike darüber. Weiterführende Informationen und Quellenangaben findest du bei Thieme-connect.

Auch wenn die Angst vor dem (eigenen) Tod eine größere Rolle bei Menschen mit psychischen Problemen spielt, weil sie ihr komplettes Tun und Handeln beeinflussen kann, kommt wohl niemand an diesem Thema vorbei. Oder hast du noch nie daran gedacht?

Aufgrund bisheriger Gespräche gehe ich stark davon aus, dass die meisten Menschen eher davor Angst haben, wie man stirbt, ob es wehtut und vor allem was danach kommt. Die Ungewissheit, die mit dem Tod in Zusammenhang steht, kann einem in der Tat Angst einflößen.

Auch ich hatte Angst vor dem Tod

Der Tod war in meiner Kindheit und Jugend wenig existenziell. Ich wurde nicht darüber aufgeklärt, was mit einem Menschen passiert, wenn er stirbt. Ich kann mich ebenso wenig daran erinnern, vor meinen 20er auf einer Beerdigung gewesen zu sein. Man sprach nicht über den Tod.

Als ich 21 Jahre alt war, starb mein Vater. Völlig unerwartet. Nur eine Woche vor Weihnachten. Zur der Zeit wohnte ich 650km von der Heimat entfernt. Mal eben hinfahren ging also nicht. Ich arbeitete die folgenden 3 Tage und trat dann wie geplant meinen Heimaturlaub an. Mit dem Weihnachtsgeschenk für meinen Vater im Gepäck.

Nach etwa 6,5 Stunden Autofahrt parkte ich vor dem Friedhofsgebäude. Ich durfte meinen Vater ein letztes Mal sehen. Ich hatte Angst. Riesige Angst. Die Tage davor kreisten meine Gedanken. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn noch einmal sehen wollte oder nicht. Ich hatte Angst vor dem Tod.

Dem Tod gegenübertreten. Wie er wohl aussieht? Wie er sich anfühlt?

Trotz meiner Zweifel sagte ich nicht ab und betrat die eiskalte Halle. Erst begegnete ich meinem Vater vom Besucherraum aus. D.h., uns trennte eine Glasscheibe. Er lag im Sarg, mit gekämmten Haaren, mit einem Anzug gekleidet, und seine Hände waren auf Hüfthöhe übereinander gelegt. Er sah aus, als ob er schlief.

Plötzlich sagte die Friedhofsangestellte: „Ich muss mal ein dringendes Telefonat führen und werde nicht im Raum sein. Wenn sie also hinter die Scheibe gehen, sehe ich das nicht.“ Sie zwinkerte mir zu und verließ den Raum.

Auf dem Schild neben der Glasscheibe stand: „Bitte nicht das Glas berühren“, und ich bekam eine Freifahrt, dahinter zu gehen? Gut, wenn die Dame sogar Schmiere stand, nutzte ich die Gelegenheit und kletterte durch die kleine Öffnung mit den Schienen, durch die der Sarg offensichtlich hineingeschoben wurde.

Die Angst vor dem Tod wurde kleiner

Erst machte ich mit etwas Abstand ein paar Fotos. Mein Vater sah eigentlich wie immer aus. Dann tastete ich mich an ihn heran. Ich berührte seine Hände. Sie waren kalt. Ich streichelte ihm über die Wange. Sie war auch kalt. Schließlich redete ich mit ihm.

Mir war klar, dass er mich nicht mehr hören würde. Aber dies war meine letzte Gelegenheit, mit ihm zu reden. Also tat ich es. Und dann nahm ich meinen Mut zusammen und verabschiedete mich von ihm. Unter Tränen sagte ich „Lebe wohl.“

Die Endlichkeit begreifen

Die Begegnung mit dem Tod war gar nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hat. Kein Zombie hat mich verfolgt. Keine blutigen Bilder suchten mich heim. Und die kommenden Tage zeigten mir, dass der Tod ein Teil unseres Lebens ist: Ich hatte Termine.

Da sich meine Eltern scheiden ließen, als ich 6 Jahre alt war, kam der komplette bürokratische Teil nun auf mich zu. Es mussten Entscheidungen getroffen und unterzeichnet werden. Auch eine Blitz-Beerdigung stand auf der Agenda. Extra Urlaubstage gab es dafür nicht.

Auch wenn diese Verpflichtungen von jeglicher Trauerarbeitszeit ablenkten, machten sie mir deutlich, dass sie Routinemaßnahmen sind. Eine Routine, von der ich zuvor nichts wusste.

Die Angst vor dem eigenen Tod blieb jedoch

Das Ableben meines Vaters ließ meine Angst vor dem Tod anderer verschwinden. Dem Tod zu begegnen, mit ihm gemeinsam am Sarg zu sitzen und meinen Vater friedlich gebettet zu sehen, nahm meine Angst vor jederlei Horrorszenarien. Diesen Teil der Ungewissheit konnte ich also überwinden. Doch die Angst vor dem eigenen Tod blieb.

Sie war zwar kleiner als zuvor, aber die Angst vor dem ungewissen „Was passiert danach?“ war noch immer da. Verrottet man einfach in der Erde? Oder kommt man tatsächlich in den Himmel, wenn man „gut“ war? Wenn ja, wie?

Das sind alles sehr kindliche Gedanken, ich weiß. Meist abgekupfert vom Märchen und Geschichten. Doch woher sollte ich es wissen?

Der Tod meines Sohnes half mir, auch diese Angst zu überwinden

Als ich 34 Jahre alt, folgte der nächste Schicksalsschlag, der schlimmste meines Lebens. Nach einer komplikationsreichen Geburt, die mein Sohn und ich dank einer Not-OP überlebten, erholte nur ich mich davon. Mein Sohn starb wenige Tage später. Ich konnte ihn lediglich in den Tod begleiten.

Die letzten Stunden an der Seite meines Sohnes nahmen mir all die Angst, die ich vor dem eigenen Tod hatte. Mein Sohn nahm sich die Zeit, die er brauchte. Alles lief so friedlich und ruhig ab. Dabei durfte ich ihn halten, streicheln und küssen. Da war so viel Liebe!

Mit dieser Erfahrung kann ich Michael Endes Worte gut nachvollziehen:

„Wenn die Menschen wüssten, was der Tod ist, dann hätten sie keine Angst mehr vor ihm.“

Michael Ende (1929-1995), Buch „Momo“

Wovor sollte ich noch Angst haben?

Die Toten sind ihren Weg gegangen. Sowohl der Weg meines Vater als auch der meines Sohnes waren zu kurz. Gar keine Frage. Doch sie haben es geschafft. Sie sind frei.

Jeder Verstorbene hinterlässt eine Lücke. Eine Lücke, die nicht geschlossen werden kann. Denn jeder Mensch ist einzigartig. Eigenarten, Geburtstage und häufig genutzte Sätze lassen uns an sie erinnern. Mit diesen Erinnerungen müssen und dürfen wir weiterleben. Auch wenn es schwerfällt.

Wir Hinterbliebene sind es also, die mit dem Verlust klarkommen müssen. Wir müssen unser Leben neu sortieren. Ohne den geliebten Menschen an unserer Seite. Und das kann ganz schön Angst machen. Selbst Marlene Dietrich sagte einst:

„Es ist vernünftiger, vor dem Leben Angst zu haben und nicht vor dem Tod.“

Marlene Dietrich, deutsch-amerikanische Schauspielerin und Sängerin (1901 – 1992)

Ihr Tod ist mein Leben

Beide Todesfälle haben mein Leben und mein Denken nachhaltig geprägt:

  • Ich habe das Sterben gesehen.
  • Ich habe die Endlichkeit gespürt.
  • Ich weiß, wie sehr Liebe um einen Verstorbenen wehtun kann.
  • Ich habe erfahren, das Trauerarbeit die schwerste Arbeit ist, die ich je bewältigt habe. Das sollte niemand unterschätzen!
  • Und ich lernte, wie wichtig Trauerbewältigung ist. Nur wenn wir in unserem „Leben danach“ den Toten einen Platz einrichten, können wir nach vorne blicken und unser Leben glücklich weiterleben.

Die Aussicht auf ein Wiedersehen schenkt mir Kraft

Ob ich meinen Sohn und meinen Vater im Himmel wiedersehen werde? Das weiß ich nicht.

Doch der Glaube daran schenkt mir Kraft. Und das, obwohl ich gar nicht gläubig bin. Diesem Zwiespalt habe ich in meinem Buch sogar ein ganzes Unterkapitel gewidmet.

Letztlich werde ich nicht in der Lage sein, es dir zu erzählen, wenn es soweit ist. Es bleibt ungewiss. Dennoch habe ich die Angst vor meinem Tod überwunden. Es kommt, wie es kommen muss. Sobald die Zeit reif ist. Und nein, ich werde in keine gläserne Kugel schauen, um diesen Zeitpunkt herauszufinden. Nicht, dass ich wieder Angst bekomme. 😉

Um bei der Einstiegsfrage zu bleiben: Hast du Angst vor dem Tod? Und konnten dir meine Worte helfen, eine andere Perspektive auf das Tabuthema zu sehen? Verrate es mir gern in den Kommentaren.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Marita

    Hallo liebe Stefanie,
    vielen Dank für Deinen Offenheit und diesen wunderbaren Beitrag. Was für ein Weg. Ich habe mich schon früh mit dem Thema Sterben beschäftigt, mein Vater dagegen wollte noch nie darüber sprechen und verlässt bis heute den Raum, wenn das Thema irgendwie auf den Tisch kommt. Ich hätte meinen Bruder fast verloren, aber sonst kenne ich nur den Tod der Großeltern. Ich finde es ein wichtiges Thema und ich habe keine Angst vor dem Tod. Vielleicht vom Sterben, wer weiß. Das ist alles anders, wenn man direkt damit konfrontiert wird. Für ich gehört der Tod zum Leben. Ich glaube, dass es nach dem Tod weitergeht und dass alles, was wir erleben und erfahren einen Sinn hat. Anders wäre das alles, was hier passiert, eine sinnfreie Angelegenheit.

    Danke, dass Du den Mut für dieses Thema hattest und liebe Grüße von Marita

    1. Stefanie Goldbrich

      Liebe Marita,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich finde es interessant, dass du dich schon früh mit diesem Thema befasst hast, obwohl es keinen offensichtlichen Anlass dazu gab. War es die Neugierde, weil dein Vater nie darüber sprechen wollte? Oder ein Buch, das du gelesen hattest? Wir Menschen beschäftigen uns aus den unterschiedlichsten Gründen mit den Themen, die uns berühren. Für mich gehört der Tod auch zum Leben dazu. Das habe ich jedoch auf die harte Tour gelernt. Ob es danach weitergeht… ich weiß es nicht. Wir werden es irgendwann erfahren. 😉
      Viele Grüße
      Stefanie

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