„Was war der größte Wendepunkt in deinem Leben?“ Diese Frage stellt Marion Glück in ihrer Blogparade „Wendepunkt im Leben: Was hat dich wachgerüttelt?“.
Meine Antwort fällt mir leicht. Denn sie trägt einen Namen: Dominik.
Dabei begann die Veränderung schon früher. Mit Start in den Kinderwunsch. Eine Zeit, die geprägt war Hoffnung, medizinischen Behandlungen und Verlusten. Und der Erfahrung, dass sich selbst ein tief ersehntes Familienleben nur begrenzt planen lässt.
Doch erst der Tod meines Sohnes Dominik teilte mein Leben endgültig in ein Davor und ein Danach.
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Als ich glaubte, alles im Griff zu haben
Vor meinen Sternenkindern habe ich mich stark über Leistung und Kontrolle definiert.
Ich war es gewohnt, mir Ziele zu setzen, Entscheidungen zu treffen und vor allem auf die Ergebnisse hinzuarbeiten. Wenn etwas nicht funktionierte, suchte ich nach einer Lösung. Dann gab es meist einen neuen Versuch oder einen Plan B.
Dieses Denken prägte auch meinen Kinderwunsch.
Alle meine Kinder sind Wunschkinder. Sie waren ersehnt, erhofft und in gewisser Weise geplant.
Ich hatte eine Vorstellung davon, wie unser Leben als Familie aussehen sollte. Ich glaubte, mit genügend Einsatz und Geduld dorthin gelangen zu können. Doch Kinder halten sich an keinen Zeitplan.
Ihr Kommen lässt sich nicht bestimmen. Ihr Bleiben ebenso wenig.
Diese Erkenntnis kam nicht auf einmal. Sie kam in Etappen.
Fünf Fehlgeburten, fünf Sternenkinder
Jede meiner fünf Fehlgeburten hat mich geprägt. Schließlich war jede Schwangerschaft mit Hoffnung verbunden. Und einer Vorstellung, wie das Leben mit diesen Kindern aussehen werde. Ihr Verlust hinterließ jedes Mal Spuren.
Gleichzeitig war mir bewusst, dass das Risiko von Fehlgeburten bei Kinderwunschbehandlungen höher ist als bei spontan entstandenen Schwangerschaften.
Dieses Wissen machte die Verluste nicht leichter. Es gab meinem Verstand jedoch etwas, woran er sich festhalten konnte.
Ich konnte Risiken benennen, Wahrscheinlichkeiten einordnen und im Nachhinein versuchen, das Geschehene zu verstehen.
Vielleicht passte selbst der Verlust damit noch in mein damaliges Weltbild: Schreckliche Dinge konnten passieren, doch sie ließen sich zumindest erklären.
Dann kam Dominik.
Mit ihm war unsere Familie vollständig
Dominik wurde lebend geboren.
Er war da.
Wir konnten ihn sehen, berühren und unter Aufsicht wickeln, füttern und eincremen. Er war 3300gr schwer und 50cm groß. Ich konnte Ähnlichkeiten erkennen, seine Haare kämen und Leberflecke zählen.
Auch wenn er auf der Neonatologie lag, fühlte sich unsere Familie mit ihm vollständig an.
Dass wir unser Kind wieder hergeben müssen, konnte ich mir nicht vorstellen. Ein lebend geborenes Kind konnte doch nicht einfach sterben.
Fünf Tage nach seiner Geburt starb Dominik.
Mit seinem Tod verlor ich mein Urvertrauen.
Die Gewissheit, dass das Leben einer verlässlichen Ordnung folgt, war weg.
Nichts war mehr sicher.
Es gab kein Zurück mehr
Nach Dominiks Tod wollte ich vor allem eines: mein altes Leben zurück.
Ich wollte wieder wissen, wer ich war. Ich wollte funktionieren, Entscheidungen treffen und meinen Alltag bewältigen. Ich wollte irgendwo anknüpfen, wo mein Leben fünf Tage zuvor noch gestanden hatte.
Doch dieses alte Leben gab es nicht mehr.
Die Welt drehte sich weiter. Menschen gingen zur Arbeit, kauften ein, lachten und planten ihre nächsten Wochen. Auch ich erledigte irgendwann wieder alltägliche Dinge. Trotzdem hatte sich alles verändert.
Es gab kein Zurück zu der Frau, die geglaubt hatte, sie könne ihr Leben kontrollieren.
Ich musste lernen, in einem Leben weiterzugehen, das keine Sicherheit mehr versprach.
Vom Funktionieren zum Fühlen
Vor Dominik hatte ich selten innegehalten.
Gefühle mussten in den Alltag passen. Aufgaben, Verpflichtungen und Erwartungen kamen meist zuerst. Was in mir vorging, hatte zu warten.
Nach seinem Tod konnte ich meine Gefühle nicht mehr beiseiteschieben.
Die Trauer ließ sich weder (weg)organisieren noch beschleunigen. Sie hielt sich an keine Termine und folgte keinem geradlinigen Weg. Manchmal kam sie leise. Manchmal nahm sie den gesamten Raum ein.
Ich begann zu verstehen, dass Gefühle nicht gelöst werden müssen. Sie dürfen da sein.
Trauer. Liebe. Wut. Dankbarkeit. Erschöpfung. Freude. Sehnsucht.
Oft existierten sie gleichzeitig.
Diese Gleichzeitigkeit prägt mein Leben bis heute. Sie zeigt mir, dass ein schwerer Tag schöne Momente haben kann und dass Trauer auch dort ist, wo längst wieder gelacht wird.
Die Kontrolle wurde leiser
Ich plane auch heute (grob) und bereite Dinge vor, um meinen Alltag zu gestalten. Doch es verspricht mir keine Sicherheit mehr.
Heute weiß ich, dass selbst die sorgfältigste Vorbereitung das Leben nicht kontrollierbar macht. Manche Entwicklungen lassen sich beeinflussen. Andere geschehen, ohne dass wir sie verhindern können.
Mein Vertrauen richtet sich deshalb stärker auf mich selbst.
D.h., ich vertraue weniger darauf, dass alles gut ausgeht. Dafür vertraue ich mehr darauf, dass ich auch schwere Zeiten tragen kann.
Dieses Vertrauen ist vorsichtiger als früher. Dafür umso verkraftbarer.
Es ist mir weniger wichtig, was ich leiste
Erfolge sind mir weiterhin wichtig. Ich arbeite gern, entwickle Ideen und möchte etwas bewegen. Doch mein Wert hängt nicht mehr so sehr davon ab, was ich an einem Tag geschafft habe.
Heute frage ich häufiger:
- Wie geht es mir wirklich?
- Was brauche ich?
- Wofür habe ich Kraft?
- Was darf warten?
So ist es nicht verwunderlich, dass ich im Jahresrückblick 2025 folgendes Motto für 2026 notiert habe: Alles nach Gefühl, Kraft und Zeit.
Ich halte mich selbst nicht immer daran. Alte Muster verschwinden nicht einfach. Es gibt weiterhin Phasen, in denen ich zu viel übernehme, mich unter Druck setze oder meine eigenen Grenzen zu spät bemerke. Besonders dieses Jahr. Also watch out for Jahresrückblick 2026.
Doch ich erkenne diese Momente heute schneller.
Ich weiß, dass Selbstfürsorge nichts Selbstbezogenes ist. Wenn ich mich selbst dauerhaft übergehe, fehlt mir irgendwann die Kraft für die Menschen und Aufgaben, die mir wichtig sind.
Meine lebenden Kinder und das Glück des Alltäglichen
Meine Verluste haben auch meinen Blick auf meine lebenden Kinder geprägt.
Keines meiner Kinder ersetzt ein anderes. Jedes hat seinen eigenen Platz in unserer Familie.
Doch ich weiß durch meine Sternenkinder, wie wenig selbstverständlich ein gemeinsames Leben ist. Vielleicht nehme ich deshalb manches bewusster wahr.
Eine Umarmung im Vorbeigehen, ein Gespräch im Auto oder ein gemeinsames Essen.
Ebenso ein Streit, der später wieder beigelegt wird, oder ein chaotischer Morgen.
Ein Kind, das durch die Wohnung ruft und genau in diesem Moment etwas von mir braucht, das nenne ich Gück. Zumindest meistens. 😉
Natürlich bin ich deshalb nicht jeden Tag geduldig oder durchgehend dankbar. Auch unser Familienleben besteht aus Terminen, Müdigkeit, Diskussionen und Tagen, an denen jeder etwas anderes möchte.
Dennoch weiß ich sehr zu schätzen, dass ich 2 meiner Kinder aufwachsen sehe.
Ich darf erleben, wie sie selbstständiger werden, eigene Entscheidungen treffen und ihren eigenen Weg gehen.
Dieses Glück verspüre ich vermutlich bewusster, weil ich eben auch andere Erfahrungen gemacht habe.
Alle meine Kinder haben mich zur Mutter gemacht
Meine Mutterschaft begann nicht erst mit den Kindern, die mich heute „Mama“ nennen.
Auch meine Sternenkinder haben mich bereits zur Mama gemacht. Sie konnte es nur nie sagen.
Sie haben Spuren hinterlassen, obwohl ihre Lebenszeit kurz war. Sie sind Teil meiner Geschichte, meiner Familie und meines Selbstbildes.
Dominik war fünf Tage bei uns. Diese fünf Tage haben mein gesamtes weiteres Leben geprägt.
Er hat verändert, wie ich liebe, wie ich trauere, wie ich auf Zeit schaue und wie ich anderen Menschen begegne.
Aus meinen Erfahrungen entstanden im Laufe der Jahre auch neue Verbindungen.
Ich begann zu schreiben und teilte meine Geschichte.
Heute begleitete ich andere betroffene Eltern. Und seit Mai 2026 arbeite ich sogar in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Unsere Sternenkinder Hessen e.V., ein Verein, der Familien nach dem frühen Tod eines Kindes unterstützt.
Tatsächlich beschäftige ich mich bereits seit vielen Jahren mit Sichtbarkeit. Früher ging es vor allem darum, Unternehmen, Angebote und Inhalte sichtbar zu machen.
Heute geht es um:
- Kinder, die viele Menschen nie kennenlernen durften
- um Eltern, deren Trauer im Alltag oft wenig Raum bekommt
- um Erfahrungen, über die noch immer zu selten gesprochen wird
Meine Fähigkeiten sind geblieben. Ihre Bedeutung hat sich jedoch verändert.
Wenn aus Liebe etwas entsteht
Ich erzähle diese Entwicklung mit großer Vorsicht, denn der Tod meines Sohnes war kein Geschenk.
Er musste nicht geschehen, damit ich bewusster lebe, ein Buch* schreibe oder andere Menschen begleite.
Ich würde all das jederzeit gegen ein Leben mit Dominik eintauschen. Das ist allerdings unmöglich. Und so sehe ich, was in den vergangenen Jahren aus meiner Liebe zu ihm gewachsen ist.
Dominiks Tod hat meinem Leben keinen höheren Sinn gegeben. Meine Liebe zu ihm hat jedoch eine Richtung gefunden, ihn und seine Mini-Geschwister in mein Leben zu integrieren.
Im Erinnern. Im Schreiben. Im Begleiten. Im Sichtbarmachen.
Was ich der Frau von damals sagen würde
Wenn ich der Frau, die ich vor Dominiks Tod war, heute begegnen würde, würde ich sie vermutlich nicht vor allem warnen.
Ich würde ihr sagen:
Du musst nicht immer alles im Griff haben.
Du darfst fühlen, bevor du eine Lösung gefunden hast.
Du darfst Hilfe annehmen.
Du darfst langsamer werden.
Dein Wert hängt nicht davon ab, wie viel du leistest.
Und wenn dein Leben eines Tages aus den Fugen gerät, musst du noch nicht wissen, wie du es wieder zusammensetzt.
Es reicht, den nächsten Tag zu erreichen.
Später vielleicht die nächste Woche.
Irgendwann wirst du erkennen, dass dein Leben nicht mehr so aussieht, wie du es geplant hattest.
Es wird trotzdem wieder dein Leben sein. Und du wirst es lieben.
Fazit zum Wendepunkt: Vom geplanten zum bewussteren Leben
Hätte ich mir einen anderen Weg gewünscht? Oh ja!
Einen Weg ohne Kinderwunschbehandlungen, ohne Fehlgeburten und vor allem ohne den Tod meines Sohnes.
Doch ich kann heute sehen, wie sehr alle meine Kinder mich geprägt haben.
Sie haben mir gezeigt, wie zerbrechlich das Leben ist, und wie wenig Kontrolle wir tatsächlich haben.
Umso stärker glaube ich daher heute an Nähe, Offenheit und die Kraft, auch verletzlich sein zu dürfen.
Und vielleicht ist genau das der größte Wendepunkt:
Ich versuche nicht mehr, mein Leben vollständig im Griff zu haben.
Ich versuche, es wirklich zu leben – mit allem, was darin geschieht.
Wenn du selbst ein Sternenkind hast oder gerade einen ähnlichen Weg gehst, findest du bei Unsere Sternenkinder Hessen e. V. regionale und überregionale (digitale) Unterstützungsangebote.
